Warum gegenderte Sprache die Welt verändert…

Die allermeisten Menschen haben große Ressentiments gegen die Verwendung von gegenderter Sprache. Eine Geschichte zur Frage warum das sogenannte ‚Gendern‘ so wichtig und von revolutionärer Bedeutung ist.

„Es stört meinen Lesefluss.“ „Es verhunzt die deutsche Sprache.“ „Ich weiß doch eh, dass es von allem Frau und Mann gibt.“ und ähnliche Sprüche muss Feminist*in sich heute anhören, wenn mal wieder das leidliche Thema der gegenderten Sprache auf den Tisch kommt. Meist muss den Leuten, die derartige Aussagen tätigen zugute gehalten werden, dass sie keine Ahnung haben, und deshalb sofort in Abwehrhaltung gehen. Die meisten Menschen sind nicht bereit sich anzustrengen, und das wäre notwendig um gegenderte Sprache zu verstehen und zu verwenden, wenn nicht verständlich ist, weshalb.

Es gibt im Deutschen zwar männliche wie weibliche Formen für die meisten Berufs- und Institutionsbezeichnungen, allerdings besteht ein weitgehender Konsens, dass die männliche Form sowohl für die Bezeichnung männlicher, als auch weiblicher Personen in Gruppen verwendet werden kann. Diese Verwendung der männlichen Form für die Bezeichnung aller Personen heißt generisches Maskulinum. Beispiele dafür sind „der gesuchte Täter“ oder „ein Treffen der europ. Außenminister“. Die Verwendung des generischen Maskulinums führt nun aber dazu, dass sich viele Frauen selbst mit der männlichen Form bezeichnen. „Ich bin Student.“ und hier beginnt die Sache richtig kompliziert zu werden.

Es ist selbstverständllch problematisch sich selbst sprachlich einem Geschlecht zuzuordnen dem per se erstmal misstraut und nichts zugetraut wird. Frauen müssen immer doppelt so gut in Allem sein, um für voll genommen zu werden. Es gibt endlose Listen was Frauen angeblich nicht können, oder zumindest nicht so gut wie Männer. Ich wundere mich manchmal dass es noch Menschen gibt die sich als Frau fühlen wollen. De Fakto führt die Verwendung der weiblichen Form zu mehr Sichtbarkeit und damit zu Anerkennung. Oft wird an diesem Punkt eingewandt, dass in der männlichen Bezeichnung immer die Frau bereits mitgedacht ist, dazu eine kleine Geschichte:

Ein Vater und sein Sohn haben einen Autounfall. Der Vater stirbt sofort am Unfallort, der Sohn kommt in das nächstgelegene Krankenhaus und braucht sofort eine Notoperation. Er kommt also in die Notaufnahme und in den OP, als der diensthabende Chirurg ihn allerdings sieht sagt dieser: „Ich kann dieses Kind nicht operieren, denn es ist mein Sohn.“ Wie kann das sein? –> Antwort

Das Beispiel soll zeigen, dass die Geschichte durch die männliche Form uneindeutig wird. Würde die weibliche Form verwendet werden, so wäre alles klar.

Die hier wichtige Grundannahme ist, dass durch die Verwendung einer gegenderten Form auch das Denken verändert wird. Gedacht wird in sprachlichen Formen, und so verändert sich auch dieses Denken, wenn an der Sprache gearbeitet wird. Es ist nun also die Konsequenz der gegenderten Sprache, dass die der Sprache momentan inhärente strukturelle Misogynie verschwindet, sobald das Nicht-männliche in ihr sichtbar wird. Durch die Repräsentanz des Weiblichen, verschwindet die Vormachtsstellung des Männlichen. Erst im Denken, dann im Handeln. Das ist die Grundannahme all derer, die für eine gegenderte Sprache votieren und einstehen.

Es fällt auf dass wir uns in unserem Fortdenken immer in der Dichotomie zweier Geschlechter befinden. Mann und Frau bilden die Gegensätze. Diese Aufteilung ist heute längst überholt. Spätestens seit Trans*Personen durch mediale Präsenz bekannter geworden sind und das Thema Transsexualität und Transition ein Begriff wurden, ist bekannt, dass es nicht nur 2 klassische, eindeutig von einander trennbare Geschlechter gibt. Das stellt alle, die schon bisher gegendert haben vor ein Problem. Es war üblich einen Begriff in seiner Grundform mit einem angehängten „Innen“ zu versehen. In der gesprochenen Variante wurden dann beide Formen genannt. „Liebe StudentInnen“ wurde also „Liebe Studentinnen und Studenten“ gesprochen.

Die gängigste heute übliche Form des Genderns ist die Form mit dem sogenannten ‚gender gap‘ geschrieben würde sie so aussehen: „Student_innen“ gesprochen wird das gender gap indem die Grundform des Wortes, also „Student“ ausgesprochen und nach einer kurzen Pause das „innen“ angehängt wird. Der Gedanke hinter dieser Form ist die Repräsentation auch all derer, die nicht durch eine rein männliche oder rein weibliche Form berücksichtigt werden. Streng genommen also aller nicht-heterosexueller, nicht geschlechtlich eindeutig zuordenbarer oder identifizierter Menschen.

Es gibt für diese Form der Repräsentation auch noch eine andere Form die der eben genannten gleicht. Es wird hier statt des Unterstriches ein Stern verwendet. Der Stern stammt aus der Informatik und wird in Programmiersprachen verwendet. Ein Stern symbolisiert hier eine beliebige Anzahl an Möglichkeiten bzw. Variablen. In der gesprochenen Version unterscheidet sich diese Form nicht von derjenigen mit dem Unterstrich.

Die momentan fortschrittlichste Form von gegenderter Sprache ist das weglassen aller geschlechtsspezifischen Endungen und in den Fällen in den das nicht klappt die Aktivsetzung der Tätigkeit. Bei unserem Beispiel Student ist die Grundform mit der männlichen Form Ident, sodass auf „eine studierende Person“ oder „eine Person die studiert“ umgedacht werden muss. Bei Allen Nomen bei denen die Grundform unterschiedlich zur geschlechtsspezifischen Form ist wird die Endung weggelassen und durch einen Stern ersetzt. Beispieltext: Lieb* Besuch* wir möchten Sie ganz herzlich begrüßen.

Es gibt eine weitere Form des Genderns, die aber weniger formell, denn grammatikalisch umzusetzen ist. Durch das aktiv setzen gewisser Substantive (!) kann eine Geschlechtsneutralität erreicht werden. Wie zum Beispiel mit der Anrede „Liebe Studierende“ Es wird hier der Fokus auf die Aktivität, die Tätigkeit und nicht auf das Geschlecht oder den Status gesetzt. Auch kann man durch Umformulierungen Worten wie „man“ oder „jemand“ aus dem Weg gehen wenn das gewünscht ist. Warum das getan werden sollte? Ganz einfach weil die Verwendung dieser Worte zu einer Passivierung der Sprache führt und eine Orientierung an gesellschaftlichen Normen ausdrückt und fördert. „Man tut“ „Jemand sagt“ beinhalten mögliche Aussagen wie zB „Wenn ich ich selber wär würd ich ja anders, aber man tut das ja (nicht).“ Wer nun einwendet, dass es unmöglich sei diese Worte zu vermeiden, sei auf diesen Text verwiesen, es findet sich kein „man“ und kein „jemand“ darin.

Ich kenne viele Leute die bereits die mit Form mit gender gap verwenden, auch die gesprochene Form. Das kann auf Dauer anstrengend sein, wenn noch kein Automatismus daraus geworden ist. Im Falle einer spontanen Ermüdung empfehle ich gerne die weibliche Form. In einer vom generischen Maskulinum geprägten Sprache ist es nicht problematischer die rein weibliche Form zu verwenden. Da diese aber eben nicht generisch verwendet wird kommt es dadurch oftmals zu Verwirrungen aus denen sich interessante Gespräche spinnen lassen. 🙂

Durch die Verwendung von gegenderter Sprache wird natürlich nicht von einem Tag auf den anderen die Gleichberechtigung aller Menschen einsetzen. Aber, und ich spreche hier aus eigener Erfahrung, ein Sichtwechsel auf Sprache, Menschen und Herrschaft und vor allem ein Emanzipationsfortschritt in sich selbst. Probiert’s aus! Viel Spaß!

wer hat's geschrieben?

Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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