Warum Feminismus?

Sich heute selbst als Feminist*in (Pro-Feminist*) zu bezeichnen, grenzt – überspitzt gesagt – an sozialen Selbstmord und führt meist zu Verachtung und Aggression, auf alle Fälle zu Abneigung, oder einem abwertenden Belächeln. Warum es trotzdem unerlässlich ist, nicht nur für ‚Frauen‘, und wo die soziale Sprengkraft und das Potential liegen, möchte dieser Artikel untersuchen.

Die Idee zu diesem Artikel kam mir als ich den Blog http://whoneedsfeminism.tumblr.com/ entdeckte, auf dem hunderte Menschen in wenigen Worten und Bildern erklären, warum Feminismus für sie ein ganz persönliches und wichtiges Anliegen ist. Feminismus geht uns alle an und, dass diese Denkrichtung heute so diffamiert ist, liegt vor allem an der mangelnden Beschäftigung damit und dem Bild, dass diejenigen vermitteln, die großes Interesse am Scheitern dieser Bewegung haben. Das Gute ist, schlimmer kann es kaum noch werden, daher kann der Feminismus nur gewinnen.

Feminismus als Reizwort

‚-Ismen‘ sind heute zum größten Teil diffamiert, kaum einer führt allerdings zu so intensiven Unmutsbekundungen und Aggressionen in einer Diskussion, wie der FEMINismus. „Emanzen“, „Kampflesben“, „Mannweiber“ und ähnliche Diffamierungen werden vom Bollwerk des Machismo geschleudert, um ja nicht über die Argumente und Kritiken nachdenken zu müssen, die der Feminismus äußert. Der Angriff auf die gemütliche Kemenate der heterosexuellen Normalgesellschaft und des Patriarchats wird dabei keineswegs nur von Cis-Männern ignoriert oder als Affektation und Überempfindlichkeit abgetan. Selbst die am direktesten von Sexismus betroffenen ’normalen Frauen‘ springen, ganz ihrem Erziehungsmuster entsprechend, in die Bresche und stärken den ‚Männern‘ die Rücken, indem sie Dinge sagen wie: „Ich fühle mich nicht diskriminiert, das ist doch längst vorbei.“, oder ein Buch schreiben mit dem Titel: „Danke, emanzipiert sind wir selber.“

Emanzipation und Selbstermächtigung

Emanzipieren stammt vom lateinischen emancipare, was die Entlassung eines Sklaven (nach der Eigentumserwerbung), oder auch eines Sohnes in die Selbstbestimmtheit bedeutete. Heute wird Emanzipation zwar im Sinne eines Aktes der Selbstbefreiung verwendet, kann aber natürlich nur erfolgen, wenn die Person sich der strukturellen Benachteiligung bewusst wird, in der sie sich befindet. „Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht“ hat schon Rosa Luxemburg gesagt, und in allzu vielen Fällen ist dies heute genau der Grund für eine allgemeine Abneigung gegen den Feminismus. Cis-Männer spüren die Gefahr, die von ihm, für ihre eigene Vormachtstellung, ausgeht, und alle anderen sind durch vielfältige perfide Strategien in ihre Position gebunden, ängstlich in Ecken geduckt, oder ohnehin zu beschäftigt mit der Erhaltung des Systems, um sich aufzulehnen. Wie ein*e Jongleur*in die*der verzweifelt versucht die Kegel in der Luft zu halten, während ihm*ihr jemand immer noch mehr hinwirft.

Der notwendige Schritt, und den fordert der Feminismus, ist nun, sich zu entscheiden die Kegel nicht mehr weiter zu jonglieren. Das Niederlegen der Kegel, die Verweigerung der bedingungslosen Unterwerfung unter das Diktat derer, die einer Kind und Kegel in den Weg werfen, und selbst Karriere und Erfolg haben wollen. Eine Entscheidung gegen die fremde Herrschaft und die eigene Knechtschaft. Das hat auch etwas damit zu tun, sich selbst lieben zu lernen. Sich selbst die Berechtigung zu geben, sich zu erlauben, ‚Nein‘ zu sagen, sich nicht mehr beherrschen zu müssen. Zum handelnden Subjekt werden, anstatt zu einem Ausstellungsobjekt, das die (unangenehmen) Dinge des Alltags jongliert.

Die unterschiedlichsten Selbstdisziplinierungszwänge wurden ‚Frauen‘ und weiblich identifizierten, oder sozialisierten Menschen über die Jahrtausende des Patriarchats aufgezwungen, alles Kegel die es zu jonglieren gilt. Bist du dünn genug? Hübsch genug? Sexy genug? Bist du gefügig und freundlich? Bist du verständnisvoll und überhaupt unterstützend genug? Nicht? Dann bist du also schon der Hausdrachen, die Alte, die sich nur beschwert und wie ein Mühlstein um den Hals getragen wird. Und während, die Stammtischgesellschaften und Männerabende sich über ihre Frauen beschweren sind diese damit beschäftigt in High Heels und tief ausgeschnittenen Cocktailkleidern, verpackt wie ein Serviervorschlag, den Spagt zwischen der Heiligen und der Hure zu üben und ihre Männer über die Schwellen des Lebens zu tragen.

Nicht alle Frauen sind Hausfrauen, viele machen „das bisschen Haushalt“ ganz nebenbei, führen zu ihren 5 Kindern noch erfolgreiche Karrieren; vor allem, wenn sie Ministerinnen sind. Schaut man sich erfolgreiche Frauen an, oder noch besser Zeitschriften, die für diese Zielgruppe verlegt werden, dann wird schnell klar, dass eine erfolgreiche Frau noch wesentlich mehr leisten muss, als ihre männlichen Kollegen. Nicht nur beruflich. Eine beruflich erfolgreiche Frau die sich mal nicht schminkt, muss krank sein. Oder sie hat PMS. Auf alle Fälle geht es ihr nicht so gut und mit dem weniger gepflegten Aussehen, nimmt auch sofort das Vertrauen in ihre beruflichen Fähigkeiten ab. Das Potenzsystem von Frauen ist die Schönheit, denn Frauen werden auch im Berufsleben als (Sex)Objekte gelesen. Schaut man sich nur mal einen Hosenanzug an: Arschbetont! Noch schlimmer: die Gespräche der männlichen Kollegen.

Dabei kämpfen diese selbst, oft ohne es zu merken, mit den an sie gestellten Anforderungen. Das ändert absolut nichts an der gravierenden Benachteiligung von Frauen, soll aber nocheinmal deutlich machen, dass Feminismus keineswegs eine Denkrichtung nur für Frauen ist. Alle Menschen die von der patriarchalen, das heißt auch hochgradig hierarchischen, Gesellschaftsordnung in ein Unterdrückungsverhältnis, oder einen Zwang (zB dem männlich, stark und unangreifbar zu sein) gesetzt werden, sind die gefragten Protagonist*innen dieser Bewegung, denn der Feminismus will Vorurteile, Gewalt und Zwänge abschaffen. Denn allzuoft werden Menschen nicht aufgrund ihrer Persönlichkeit, ihrer Fähigkeiten oder eben Unfähigkeiten (nicht) ernstgenommen, sondern allein wegen ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe oder sexuellen Neigung. Und es ist genau definiert welches Geschlecht, welche Hautfarbe und welche Neigung ernstgenommen werden: Männer, die ‚weiß‘ und heterosexuell sind.

Misogynie und andere Gewalt

Es herrscht eine generelle, strukturelle Misogynie. Eine Feindlichkeit gegen das als ‚weiblich‘ Definierte an sich. Das beginnt bei äußerlichen Merkmalen. Eine Frau in Hosen ist längst nichts Anstößiges mehr. Wer hingegen als sogenannter ‚Mann‘ schon einmal High Heels oder ein Kleid getragen hat, kann nachempfinden, was es heißt Codes zu brechen. Man muss dabei nicht einmal so offensichtliche Codes wie Kleidungs’vorschriften‘ brechen, es reicht bereits von ‚männlicher‘ Gestik abzuweichen. Der ‚Mann‘ der sein Privileg aufgibt, muss verrückt sein. Er ist ein Verräter der eigenen ‚Art‘. Er muss sich schämen ‚Frauenkleidung‘ anzuziehen, seine Männlichkeit nicht nach außen zu tragen … warum? Weil ‚weiblich‘ sein vor allem als nicht-Frau eben etwas ist, wofür man sich schämen muss. Die Verachtung von ‚Tunten‘ und ‚effiminierten Männern‘ hat genau diese generelle Weiblichkeitsfeindlichkeit zum Grund. Dieser Hass gegen ‚Weiblichkeit‘ ist allen Menschen eingeschrieben, auch und vor allem ‚Frauen‘ und homosexuellen Männern. Sie alle haben gelernt, dass sie sich ihrer selbst zu schämen haben. Sie alle haben gelernt, sich zu hassen. In zu vielen Fällen führt dieser Selbsthass zu Bulimie/Anorexie, Selbstverletzung und anderen autoaggressiven Handlungen. Nur selten kommt es zu Selbstermächtigung (Emanzipation) und einer aktiven Auseinandersetzung mit der von der Gesellschaft ausgehenden Normierung und einer Auflehnung dagegen. ‚Frauen‘ die sich auflehnen laufen Gefahr als ‚Emanzen‘ beschimpft und sofort ihrer Position beraubt zu werden. Mit aufmüpfigen Tunten ist es nicht anders. Diskreditierende Sprache ist aber nur eine Form von Gewalt und Herrschaft.

Gewalt kann viele Formen annehmen, strukturelle Gewalt, verbale Gewalt und natürlich tätliche, körperliche Gewalt. Gegen ‚Frauen‘ ist das Zusammenwirken der verschiedenen Gewaltformen besonders perfide. Am Beispiel der SlutWalks lässt sich das verdeutlichen. Im Jahr 2011 hat sich in Toronto eine Gruppe Menschen auf der Straße versammelt, um gegen die Aussage des Polizeichefs zu demonstrieren, der öffentlich behauptet hat, Frauen wären an einer Vergewaltigung selbst (mit)schuld, wenn sie sich wie Schlampen anzögen. Diese Aussage ist ein zynischer Schlag ins Gesicht jeder ‚Frau‘ und vor allem natürlich jedes Opfers* von sexueller Gewalt, es ist immer allein der Täter, der die Schuld am Gewaltakt trägt. Ein Kleidungsstück ist keine Einladung, ein Stück nackte Haut noch lange keine Einwilligung. Das Bild der ständig verfügbaren Frau, ihr Objektstatus und Aussagen wie: „Wenn Frauen ’nein‘ sagen, meinen sie eigentlich ‚ja'“, führen zu Vergewaltigungen und sexueller Belästigung. Wenn es kein Ja ist, ist es ein Nein. Das gilt für alle Bereiche des Lebens.

Um zu Anderen ‚Nein‘ sagen zu können, muss jede*r aber erst zu sich ‚Ja‘ sagen können. Der Schritt in Richtung Selbstvertrauen, Selbstachtung, Selbstliebe ist der ausschlaggebende. Solange ‚Frauen‘, Lesben, Schwule, Tunten, ’nicht-männliche Männer‘ und nicht eindeutig zuordenbare Personen sowie Trans*personen von Selbstverachtung und Selbsthass geplagt werden, werden sie sich sehr schwer tun in Gewaltsituationen ‚Nein‘ zu sagen. Es schwingt doch immer ein „Vielleicht hab ich das ja verdient.“ mit. Ein verinnerlichtes Stockholmsyndrom, ich selbst kenne ‚Frauen‘, die das „Schlampenargument“ unterstützen und dem Opfer die Schuld geben. Unglaublich aber wahr.

Der Feminismus soll also zu Selbsterkenntnis, Selbstermächtigung und Selbstliebe führen. Er hat nichts mit Hass oder Herrschaft zu tun. Die Ängste rechts-rechter Politiker, der Feminismus würde Männlichkeit und Ehre angreifen, sind jedoch trotzdem berechtigt, denn diese Kategorien sind in einer freien Gesellschaft nicht mehr notwendig. Der Feminismus setzt das Individuum absolut und niemanden darüber, er ist dem Anarchismus darin sehr ähnlich.

Der Feminismus als private Denkkultur
Feminist*in (Pro-Feminist*) zu sein bedeutet nichts anderes, als für sich selbst bestimmte Maximen und Annahmen aufzustellen und diese nicht einfach zu übernehmen.

Diese könnten zB sein:
1) Es darf keinen Unterschied zwischen „Geschlechtern“ geben (also ist es auch egal wie viele Geschlechter es gibt, denn es gibt nur eines)
2) kein Mensch hat das Recht andere zu beherrschen
3) jeder Mensch hat das Recht auf Liebe, Körper und Körperliebe
4) alle Menschen sind also gleich
5) Es gibt also kein ’natürliches Geschlecht‘ oder ’natürliche Verhaltensweisen‘
6) Menschen sind Individuen und als solche sind sie zu achten und zu respektieren. Daraus folgt, dass Kategorien hinfällig sind und dass es bereits ein Akt von Gewalt ist, Menschen in normative Kategorien einzuteilen.

Der Feminismus ist also eine Denkrichtung, die nichts anderes verlangt, als Chancengleichheit, Herrschaftsfreiheit und Respekt von und für alle Menschen, ungeachtet aller Kategorien.
Feminismus? Dann aber bitte ‚queer‘!

zum Weiterlesen:
Penny, Laurie: Fleischmarkt, weibliche Körper im Kapitalismus; Edition Nautilus, 2012.
Trumann, Andrea: Feministische Theorie, Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus; Stuttgart, Schmetterling (Theorie.org), 2002.

Es handelt sich bei diesem Text um einen Denkversuch. Bei Beschwerden, Anregungen und Wünschen bitte ich darum, mich zu kontaktieren.

wer hat's geschrieben?

Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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