Screenshot aus dem TV-Spot von "Kein Täter werden"

Vortragsmitschnitt Benjamin Lipp

Audiomitschnitt des Vortrags „Pädophiles Begehren und die Unordentlichkeit des A-/Normalen“, gehalten von Benjamin Lipp am 13. Juni 2014 im Rahmen unseres „perversen Semesters“.

Im Sommersemester 2014 setzte das Queer-Referat den inhaltlichen Fokus auf gesellschaftliche Gruppen, die sich gesellschaftlich erhöhter Ausgrenzung ausgesetzt sehen, als das bei LGBTI* Menschen bereits der Fall ist.

Aus dem Beschreibungstext der Veranstaltungsankündigung:

Pädophilie ist pervers, Pädophile sind krank und Pädosexualität ist eine strafbare Unmöglichkeit. Diese Formation spiegelt nicht nur einen dominanten Diskurs zeitgenössischer Gesellschaften wider, sie ist tief verwurzelt in unseren Affekten und inneren Regungen. Kinder als Sexualobjekte zu betrachten, löst wie von selbst ein tief sitzendes Ekelgefühl aus. Man könnte einen soziologischen Vortrag über Pädophilie also einfach mit eben diesem Fazit schon wieder abhaken: Nach Jahrzehnten der sexuellen Emanzipation ist (und bleibt) pädophiles Begehren das letzte Tabu im Bereich der sexuellen Neigungen. Sie stellt das letzte ‚Außen‘ dar, wogegen das ‚Normale‘ in Stellung gebracht werden kann. Der zweite Vortrag im Rahmen unseres perversen Semesters wird genau diese Diagnose näher untersuchen und sich fragen, wie es dazu kommt, dass die sexuelle Liebe zu Kindern ausschließlich unter den Aspekten Krankheit, Verbrechen und Anormalität thematisiert wird. Paradoxerweise deutet gerade diese Agenda auf einige Phänomene der jüngeren Vergangenheit hin, die auf eine andere Fährte führen: Die Forschungsreise, die ursprünglich am Rande sozialer Ordnung geplant war, endet in der Mitte einer Gesellschaft, die sich selbst in diesem so scheinbar klaren Feld unsicher darüber wird, was als normal gelten soll und was nicht. Zu dieser Reise lädt uns der Soziologe Benjamin Lipp ein, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Friedrich Schiedel-Stiftungslehrstuhl für Wissenschaftssoziologie der TUM. Für seine Forschung im Bereich Therapeutisierung, Prävention und Pädophilie erhielt er 2013 den LMU-Forscherpreis für exzellente Studierende. Seine Diplomarbeit steht hier zum freien Download bereit.

Um das Anliegen des Vortrages klarzustellen: Es wird in keinster Weise darum gehen, die Vergewaltigung von und die Gewalt gegen Minderjährige zu verharmlosen. Ausgangspunkt des Vortrages ist vielmehr einerseits das Wundern darüber, dass pädophiles Begehren in zeitgenössischen Gesellschaften automatisch mit sexuellem Missbrauch wird, sowie andererseits die Frage, welche Bedingungen dafür verantwortlich sind, dass es zu einer solchen Formation gekommen ist. Diese Frage stellt sich mitunter deshalb, weil es durchaus Kontexte gibt, in denen diese Bedingungen nicht gelten; zumindest nicht in dieser Strenge. Hier wäre unter anderem das vom Autor untersuchte „Kein Täter werden“-Projekt zu nennen, bei dem sich Pädophile aus dem Dunkelfeld freiwillig in Therapie begeben können. Die Klienten werden hier zunächst nicht als Kranke, Verbrecher oder Perverse angesprochen, sondern über ihr pädophiles Begehren als einer Neigung und als einem Leiden. Man mag dies für illegitim halten oder als strategisch abtun. Die explorative Fragestellung des Vortrages ist aber vielmehr: Wie geht man soziologisch mit dem Phänomen um, dass pädophiles Begehren sich zum Einen als etwas ‚Anormales‘ formiert, zum Anderen aber in bestimmten Kontexten als etwas ‚Normales‘ thematisiert werden kann. Dies ist gemeint, wenn im Vortrag von einer Unordentlichkeit des A-/Normalen die Rede ist: Unordentlichkeit als ein soziologisches Bezugsproblem, nicht als Legitimationsgrundlage für Kindesmissbrauch!

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Klaus Arthur Schmid

Unser IT-Gurl Ashley ist die Person der Stunde wenn es ans technisch Anspruchsvolle geht. Mit Blaumann und Laptop bewaffnet geht es dann in die Tiefen unserer Infrastruktur. Wenn er nicht gerade an unserer Homepage bastelt, findet man ihn meist in dunklen Hinterzimmern wieder. Des weiteren kümmert sich Klaus um Vernetzungs- und Kooperationsangelegenheiten innerhalb Münchens, Deutschlands und Europaweit.