Typisch?!

Ein Gedankenspiel zur Gleichheit und Andersartigkeit.

Heterosexuelle Menschen erkennt man bereits am Aussehen. Die Frau hat lange blonde Haare. Sie braucht morgens drei Stunden im Bad, um diese in Form zu bringen und sich zu schminken. Daneben rennt sie mindestens zwei mal die Woche in einen Beauty Salon, um ihre „natürliche“ Schönheit zu erhalten. Sie ist verheiratet mit einem Mann. Er ist etwas älter als sie. Seine Haare sind zu einem ordentlichen Seitenscheitel gekämmt. Jeden Tag trägt er das gleiche weiße Hemd zur gleichen brauen Anzughose, nur die Farbe der Krawatte variiert. Die beiden lernten sich bei einer Party zu Schulzeiten kennen, er sprach sie mit den Worten „Mein Name ist Romeo. Möchtest du meine Julia sein“ an. Da beide katholisch sind, ließen sie es mit ihrer Beziehung langsam angehen. Kein Sex vor der Ehe war für beide selbstverständlich. Drei Jahre nach dem Kennenlernen fragte er sie kniend, ob sie seine Frauen werde. Seit sie verheiratet sind haben sie im Schnitt zwei mal im Monat miteinander Sex, natürlich ausschließlich in der Missionarsstellung. Als ihr gemeinsamer Sohn geboren wurde, verließ sie ihren Beruf.

Ihr Leben ist geregelt: Er arbeitet und bringt das Geld nach Hause, sie kümmert sich um die Erziehung des Kindes, kocht das Essen und hält Haus und Garten ordentlich. Sonntags geht es in den Gottesdienst, danach ein gemeinsamer Spaziergang. Einmal im Jahr fahren sie zum Familienurlaub nach Italien – Camping. Aber eigentlich finden sie es zu Hause am schönsten.

Was?

Du bist heterosexuell und findest dich in dieser Beschreibung nicht widergespiegelt? Du denkst, dass sie überzogen und lächerlich ist? Dass es niemanden gibt, der so ist?

Dann glaube aber auch nicht, dass jede Lesbe raspelkurze Haare hat und immer einen Schraubenzieher bei sich trägt oder jeder Schwule sich schminkt und mit einer rosaroten Handtasche durch die Gegend läuft!

wer hat's geschrieben?

Antonia Netzer

Toni studiert Englisch, Geschichte, Sozialkunde und Ethik und hat vielleicht einmal vor, sowas wie einen Lehrer*in zu werden. In ihrem Studium setzt sie sich vor allem mit queerer Lebensvielfalt in Geschichte, Sprache und Bewusstein auseinander. Toni hat 2010 das LesBiSchwule Referat, heute Queer Referat, an der LMU gegründet. Sie* leitete es mehrere Semester als Referentin bzw. als stellvertretende Referentin. Momentan hat sie* keine Funktion im Queer Referat, da sie* als Bundeskoordinatorin der schwul, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen queere Hochschularbeit deutschlandweit koordiniert. Neben der Referatsarbeit ist sie* Vorstand im Aufklärungsprojekt München. Dort geht sie* an Münchner Schulen und klärt über queere Lebensweisen auf.

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