Träumchen Schlösschen Tuntitunt

Das Queer-Referat war, wie jedes Semester, auf dem Bundestreffen der schwulen, schwul-lesbischen und queeren Referate in der Akademie Waldschlösschen in Gleichen bei Göttingen. Was so bürokratisch klingt ist in Wahrheit einer der queersten Realitätsentwürfe die ich kenne. Hier ein persönlicher Erfahrungsbericht und ein Loblied auf das „Schlösschen“ und die Liebe.

„Was ist das Schlösschen?“ werde ich gefragt, wenn ich zwei Mal im Jahr anfange meine Fummel zu Sortieren, Sekt zu horten und Schlagermusik zu singen. Wohl für jede*n etwas anderes, wäre die Antwort aber sie könnte auch sein: Das Bundesvernetzungstreffen der schwulen, schwul-lesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen in der Akademie Waldschlösschen in Gleichen bei Göttingen. Es geht dabei um den Austausch von Erfahrungen, um die Abstimmung von LGBTIAQ-Arbeit in den teilnehmenden Referaten und Hochschulgruppen, und es werden Workshops und Vorträge angeboten in denen die Teilnehmer*innen zahlreiche Kompetenzen erwerben können. Das klingt an sich schon nach einem tollen Wochenende und wäre Grund genug dieses Treffen zu besuchen. Im Fall des Schlösschens ist das aber noch nicht alles. Rund um diese Angebote spannt sich ein Spektrum an Möglichkeiten auf, das für mich zu den Highlights meiner Referatsarbeit zählt. Warum? Weil es utopische Gesellschaft für mich erlebar macht, weil es mir ermöglicht mich auszuprobieren, weil es mir vor allem zeigt, dass die Menschheit über eine unerschöpfliche Ressource verfügt – die Liebe.

„Was ist das Schlösschen?“ könnte auch historisch beantwortet werden. Entstanden ist das Schlösschen als Vernetzungstreffen von Schwulenreferaten. Lange Zeit hindurch gab es auf diesem Treffen daher ausschließlich Schwule und es entwickelte sich auch hier eine damit verbundene Kultur der Tuntigkeit. Die Tunte ist dabei eine Person die schangelig und schäbig ist. Sie ist laut, kreischt, und ist peinlich und vor allem für die Normal™gesellschaft ist sie oft unerträglich. Da wird dann die Nase gerümpft, da wird gezischt und gepfiffen und blöde Kommentare sind noch die glimpflichste Reaktion auf Tuntigkeit. Auf dem Schlösschen erprobten sich schwule Aktivisten, stellten ihre Männlichkeit(en) auf die Probe und untersuchten sie in einer Art Laborsituation. Dabei entstanden wichtige Traditionen, die bis heute auf dem Treffen gepflegt und gelebt werden. Über die ‚Loge‘ habe ich in meinem letzten Erfahrungsbericht von 2012 schon berichtet. Dazu kommen zahlreiche andere, gemeinschaftsbildende Verhaltensweisen. Lieder, ‚Wink-‚ und ‚Ähäh-Proben‘ sowie ein gemeinschaftlicher Besuch in Göttingen sind nur einige davon. Alles in allem eine fast absurd scheinende Parallelwelt in der die Uniaktivist*innen für einen Zeitraum von vier Tagen verschwinden. In dieser Parallelwelt findet auf vielfältige Weise die Auseinandersetzung mit zentralen Themen statt. Eine dieser Arten ist die Tuntigkeit.

Ein Grundproblem von LGBTIAQ-Arbeit, aber auch Gesellschaft gestaltender Arbeit generell, ist eine bestehende Geschlechterdichotomie und eine Heteronorm, in der ‚Mann‘ das definierte, starke und privilegierte Geschlecht gegenüber ‚Frau‘ als Anderem, nicht definierten, abweichendem Geschlecht ist. Durch die privilegierte Rolle von Männlichkeit* wird diese gleichzeitig auch prekär. Ich kann ‚abrutschen‘, die Privilegien verlieren. Es erscheint also erstrebenswert als ‚Mann‘, oder männlich* gelesen zu werden, denn damit ist Macht verbunden. Im Umkehrschluss ist natürlich – in einer patriarchalen, konservativen Gesellschaft – alles abzulehnen, was die natürliche™ Überlegenheit von Männern gegenüber nicht-männlichen* Personen in Frage stellt. Das sind zB Frauen, die sich nicht in ihre Rolle fügen, das sind aber auch Männer, die eine nicht-klassische Männlichkeit performen, zum Beispiel Tunten, die (angeblich) nicht-männliche Attribute und Verhaltensweisen an den Tag legen, ihr schwul sein übertreiben und neue Männlichkeiten performen. Auf dem Schlösschen sind begrüßenswerterweise zunehmend nicht nur unterschiedliche Männlichkeiten sondern unterschiedliche Geschlechtlichkeiten vertreten und damit auch unterschiedliche Tunt*igkeiten. Ganz ähnlich wie die Sanktion von Geschlecht als gesellschaftlicher Kategorie über die Bewertung von Menschen passiert, funktioniert diese Sanktion auch bei anderen Kategorien auf denen sich Herrschaft, Macht und Diskriminierung aufbaut. Dieses Schlösschen war geprägt von vielfältigsten Diskussionen und Auseinandersetzungen zum Thema Diskriminierung, der Setzung von Normen, sowie der Sanktion und Reproduktion dieser Normen. Diese Diskussionen könnte ich hier nachvollziehen, das tue ich nicht. Ich möchte lieber schangeln – konzeptuell.

Die Parallelwelt Schlösschen mit ihren ganz eigenen Verhaltensweisen, hat nämlich auch eine eigene Sprache. Der Begriff ’schangelig‘ wurde dabei als neologistische Bezeichnung einer ganz speziellen, positiv zu bewertenden Schäbigkeit von Tunten erkoren. Dieses Konzept erscheint mir als möglicher Schlüssel zu dem, was das Schlösschen ist und kann. Schangeligkeit ist für mich einer der zentralen Werte des Schlösschens. Sie stellt einen bewussten Gegenentwurf zum alltäglichen normierten Selbstrepräsentationswettbewerb dar. Durch das Erheben von Schangeligkeit und Peinlichkeit zu einer begrüßenswerten Abweichung und Schaffung von Vielfalt wird ein Emanzipationsgedanke grundgelegt, der für mich das Herzstück (im weitesten Sinne) queerer Lebensentwürfe bildet. Schiefe Dutten (Perücken), Schminke wie aus der Pistole geschossen, vergossener Sekt und fallende, stöckelnde Tunten, aber auch schräge Töne auf der Bühne der Show, die immer Samstag Abend auf dem Schlösschen stattfindet sind ein Ausdruck von Selbstironie und kritischer Reflektion darüber, was und warum etwas eigentlich Pein_lich, also mit einer gewissen Art von Schmerz oder Scham verbunden ist.

Scham ist eine der subtilsten Formen von gesellschaftlicher Ächtung denn sie kommt aus mir selbst. Mich zu schämen für etwas, das ich bin, sein möchte oder das mir passiert ist, ist eine mächtige Waffe im Kampf für Normierung und Erhalt von Herrschaft und Unterdrückung. Denn oft lerne ich Scham als natürlich kennen und hinterfrage sie nicht, oder nehme sie im schlimmsten Falle als außerhalb meinerselbst wahr, wodurch sie für mich nicht mehr bearbeitbar ist. Die Gesellschaft setzt Normen, und noch bevor diese Normen durch irgendjemand oder etwas sanktioniert werden müssen schäme ich mich in vorauseilendem Gehorsam selbst und sende negative, mich unterdrückende Botschaften an mich. Und genau dagegen setzt Schangeligkeit einen liebevollen Imperativ. Durch die Wertschätzung der Abweichung wird ein Feld nutzbar (und ich meine das nicht im neo-liberalen verwertenden Sinne) das für eine gerechte, friedliche Gesellschaft „zum größten Nutzen aller“ unerlässlich ist – Selbstliebe. Emanzipation heißt, sich befreien, unter Anderem auch von Tyrann*innen wie mir selbst. Sich und anderen verzeihen lernen, wahrzunehmen, dass alles (!) seine Übung braucht, sich die Zeit zu lassen sich zu entwickeln und sich vor allem nicht selbst zu verletzen durch negative Botschaften macht eine*n überhaupt erst fähig (zu) anderen gerecht zu werden. Im Schlösschen wird das geübt und umgesetzt.

Das liegt unter anderem an der Kommunikation und der vielfältigen Art der Reflektion die in diesen Räumen passiert. Es liegt aber vor allem auch an der Art wie auf einander zugegangen wird. Diskriminierung, Ausgrenzung und Normierung führen zu Wut, Schmerz und Verletzung beim anderen und diese negativen Gefühle wiederum zerstören die Liebe oder verwandeln sie in Hass. Um das nun also zu unterbinden und die Liebe zu fördern muss ich eigentlich nur eines verstanden haben. (Und natürlich ist es jetzt erlaubt zu schmunzeln) „Wie ich in den Wald hineinrufe, so schallt es zurück.“ Was ich damit meine ist wohl eigentlich klar und doch möchte ich es ein bisschen explizieren. Gehe ich auf eine Person zu und führe sofort Wertungen durch, indem ich Kategorien und Normen anwende, dann beschneide ich diese Person, ich beschränke ihre Realität, ich nehme sie eben nicht wahr. Diese Wahr_nehmung einer anderen Person würde ich persönlich zum Beispiel auch als Respekt (re spectare: zurück schauen –> Rücksicht) bezeichnen. Dabei geht es nicht darum komplizierte Konstruktionen und Konzepte aus der Nagellackfarbe einer anderen Tunte rauszulesen, sondern nur darum, ehrliches Interesse und achtsames Verhalten zu zeigen. Eigentlich ist sogar das zu abstrakt ausgedrückt und es könnte noch vereinfacht werden. Es muss nur ein Shift im Kopf passieren, vom Verhalten das wir gewohnt sind und das wir gelernt haben, nämlich einem das davon ausgeht Zuschreibungen machen und vereinfachen zu können und diese zu brauchen, zu der Annahme, dass alles was ich über die Person denke eine Verkürzung ist. Ich gehe dann also davon aus, dass die Abweichung die Norm ist und das entspricht nun natürlich wesentlich besser der tatsächlichen Realität™. „It’s just a jump to the left…“

Dieses Denken, dieses Handeln kann auf dem Schlösschen geübt werden. Die Auseinandersetzung damit und die Konsequenzen daraus führen zu den berühmten Schlösschenmomenten. Ruhe, Feinfühligkeit und Eleganz in ihrer ganz eigenen Schangeligkeit. Ein umfassendes Angenommensein und das Gefühl wichtig und wertvoll zu sein, all das bildet die Grundlage dafür wieder lernen zu lernen. Lernen können wir nur, wenn wir uns öffnen und etwas ohne Angst und mit Interesse betrachten. Lernen ist eine Gefühlsangelegenheit. Politische Arbeit, universitäre Vernetzung und die Schaffung von Sichtbarkeit von LGBTIAQ Lebens-, Begehrens- und Fühlensweisen ist ein wichtiger Teil der Arbeit von schwulen, schwul-lesbischen und queeren Referaten und Hochschulgruppen. Diese Arbeit bedarf nicht nur politischer Bildung, sprachlicher und sozialer Kompetenzen sondern ebenso umfassender Gefühlsbildung und diese findet auf dem Schlösschen quasi als schangelige Parallelveranstaltung zu den Workshops und der Bundeskonferenz statt. „Was ist das Schlösschen?“

Ein Ort zum Träumen, Schangeln, Stöckeln, für Liebe, Freuden- und Glückstränen, Gänsehautmomente, und für eine bessere Welt.

Ein riesiges Dankeschön an alle, die dieses lebensverändernde Wochenende ermöglichen, organisieren, oder durch ihre reine Anwesenheit bereichern. <3

wer hat's geschrieben?

Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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