Stonewall was a riot!

Immer mehr Homos können sich mit dem Begriff ‚queer‘ als Identitätskategorie und Selbstbezeichnung anfreunden. Die wenigsten interessieren sich für dessen Herkunft, noch weniger wissen etwas darüber. Dabei steht dieser Begriff für eine Widerständigkeit, die einmal fester Bestandteil jedes Homo*Aktivismus sein musste. Denn ‚Stonewall was a riot!‘ die Rechte die wir heute haben, die Freiheit mit der wir uns heute selbst behaupten können, sei sie auch noch so klein und gefährdet, wie die Beispiele aus einigen Ländern Europas aber auch weltweit zeigen, haben wir den mutigen, widerständigen Vorkämpfer*innen zu verdanken, die ihre Freiheit, ihre Liebe und ihr Leben eingesetzt haben, um für sich ein würdiges Leben und Lieben zu erkämpfen. Ein flammender Appell gegen die Bestrebungen endlich in der Normgesellschaft anzukommen und für die Möglichkeiten, die Widerstand dagegen bietet.

Es ist wieder soweit. Auf der ganzen Welt finden Straßenfeste, CSD-Paraden, Gay-Prides und andere Kundgebungen zu Ehren eines Tages statt, der laut Homo-Geschichtsschreibung eine Wende markiert. Die Weigerung nämlich, sich weiterhin diskriminieren, beleidigen und verprügeln zu lassen. Am 28. Juni 1969 begannen sich zum ersten Mal Schwule, Lesben, Trans*en, Tunt*en und anderes ‚Gesocks‘ gegen die Repression von staatlicher, aber auch gesellschaftlicher Seite zu wehren. Das Ganze war ein Aufstand, der sich weigerte sich zu verstecken, sich weigerte noch länger die Scheiße zu fressen, die uns jeden Tag zugeschippt wurde. Anlässlich dieses Aufstandes fand ein Jahr später der erste Marsch durch NYC, der „Christopher Street Liberation Day“ statt. Der Beginn für die CSD-Paraden und Prides die wir heute feiern.

Nach und nach breitete sich diese Tradition über den Globus aus und stand zunehmend für freie Selbstdefinition, Homo-Rechte, später auch für Trans*, Inter* und queere Interessen. Seit einiger Zeit, findet allerdings eine große Menge politischer Aktivismus der LesBiSchwulen Community innerhalb der staatlichen Institutionen statt und suggeriert uns so, dass wir danach streben sollen oder können, in die Mitte der normalen Gesellschaft aufgenommen zu werden. Heiraten, Kinder adoptieren, so sein wie eben alle anderen auch. Gleiche Rechte – Gleiche Pflichten. Um endlich nach den vielen hundert Jahren der christlichen Prägung nicht mehr die perversen Schweine sein zu müssen, als die uns die Kirche und andere Institutionen darstell(t)en und verurteil(t)en.

Als queere*r Aktivist*in schreibe ich nun ein weiteres Mal gegen die Faulheit und die Verblendung, ja die Resignation an, die hinter dieser Beschäftigung steckt. Anstatt unsere Gesellschaft und ihre Systemik angemessen zu analysieren und die Konsequenzen daraus zu ziehen, wird versucht so normal, wie alle anderen sein zu dürfen; und damit gleich ignorant wie die Norm. Seit viel zu langer Zeit leidet unsere Gesellschaft an Konzepten wie Wachstum, Knappheit und Konkurrenz, kurz Kapitalismus. Viel zu lange schon wird von gewalt(tät)igen Institutionen wie Kirche und Staat über uns geherrscht indem Deutungshoheit und Nomenklatur vereinnahmt und normiert werden.

Ereignisse wie die Demonstrationen von Homo-Ehe Gegner*innen in Frankreich, die Einführung von Homo-Propaganda-Verbot in Russland, die vielen, auch dieses Jahr verbotenen CSDs und Prides in aller Homos Länder, weil angeblich für die Sicherheit nicht garantiert werden kann, zeigen deutlich, dass enormer Bedarf herrscht sich gegen Vereinnahmung, und Appeasement zu wehren! Es muss uns wieder bewusst werden, dass mensch ein System nicht von innen heraus zu ändern vermag. Die Subversionsstrategien, die wir als politische Handlungsmöglichkeiten heute kennen, wirken nur, wenn wir uns, so gut wie möglich, und ich denke das als tägliche, nein andauerende, minütliche Arbeit, fragen: „Was läuft hier falsch?“ und das ist eine gewaltige Menge.

Es erscheint mir wichtig, die heutzutage immer unpolitischer werdenden, kommerzialisierten CSD-Paraden wieder zurück zu erkämpfen, die Züge mit subversiven Gruppen, Perversen*, Abartigen* und Gesocks* zu durchziehen, wieder widerständig zu werden, das Bild zu stören von braven Homos*, die ihr* Reihenhäuschen nun lange genug leidlich erkämpfen mussten. Denn ich glaube tatsächlich, dass die Normgesellschaft von UNS und nicht wir von der Normgesellschaft etwas lernen können.

– It’s not over till the fat drag queen sings, and she ain’t singin‘ until we win –

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Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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