Queer? Pervers!

Queer, ein Begriff der heute fast inflationär verwendet wird. Plakate, Songtexte, Zeitschriften und wissenschaftliche Arbeiten sind voll davon. Aber was bedeutet dieser Begriff eigentlich?

Unter der Überschrift „Queer“ wird seit Anfang der 1990er die Ausschließlichkeit von zwei scheinbar eindeutigen Geschlechtskategorien und die Norm der Heterosexualität in Frage gestellt.

Der wesentliche Kern des Begriffs ist von äußerst politischer Natur. Jede*r soll so leben dürfen und können, wie er*sie sich das wünscht. Leider herrscht allzuoft die Überzeugung, dass jedem Menschen heute ein solches Leben möglich sei. Im allgemeinen Freiheitsgefühl des Neoliberalismus, das eher einer Vogelfreiheit gleicht, und dem angstbedingten Verschwinden von Solidarität geht verloren, dass Ausgrenzung, Unterdrückung und Ungleichbehandlung heute genau so wirk_lich sind wie zu jeder anderen Zeit. Die Beispiele sind zahlreich, so nenne ich nur die plakativsten: Frauen verdienen bedeutend weniger als Männer, sie leisten nach wie vor 80% der Haus- und Erziehungsarbeit, ganz abgesehen von der Reproduktionsarbeit, und dies zu allermeist unbezahlt. Gleichgeschlechtliche Paare dürfen nach wie vor nicht heiraten, sondern wurden durch eine eingetragene Partner*innenschaft mit Ehearoma abgespeist. Trans*personen leben in ständiger Angst als solche erkannt zu werden, haben die größten Schwierigkeiten Namensänderungen und Lebensstandsänderungen durchzusetzen (sowohl juristisch wie privat) und sind häufiger Opfer körperlicher Gewalt als andere Personen. An ihnen wird auch besonders die Blödheit des Systems Geschlecht deutlich, das Menschen – meist vor, spätestens aber zum Zeitpunkt ihrer Geburt – Eigenschaften (männlich/ weiblich) zuordnet, die angeblich spezifische Talente, Rechte und Pflichten mit sich brächten.

Gegen all diese unzulässigen Angriffe der Hegemonialgesellschaft auf die Selbstdefinitionsmacht und die Fähigkeit zur Selbstliebe, und an all die Abweichenden vom klassisch bürgerlichen, heterosexuellen System aus Geschlecht- und Begehrensklassifzierung, wendet sich der Begriff Queer. Er umfasst politische Aktionen, wissenschaftliche Auseinandersetzungen, Selbsterforschung und -ermächtigung. Queer ist der stolze Ausruf „Ja, ich bin pervers!“ und das Bekenntnis zu einer Abweichung von dem was uns allen von Kleinstkindesbeinen an als „normal“, „gesund“ und „natürlich“ (im schlimmsten Falle „gottgegeben“) eingeschärft wird.

Literatur zum weiterlesen:
Jagose, Annamarie: Queer Theory – Eine Einführung, Querverlag, 2009.

Ich bitte darum, bei Beschwerden, Hinweisen oder Diskussionswünschen auf mich zuzukommen. Dieser Text stellt einen allerersten unzureichenden Versuch dar. Disputandum discimus.

Ich möchte darauf hinweisen, dass die Verwendung von dichotomen Geschlechtsbezeichnungen (Frau, Mann) und -verhältnissen (homo-, bi-, heterosexuell) der momentanen gesellschaftlichen „Realität“ Rechnung trägt, die Menschen in diese Kategorien einteilt. Ich empfinde es als Notwendigkeit, die Dichotomie der Geschlechter und die heterosexuelle Hegemonie aufzulösen, um allen Menschen ein Menschenleben möglich zu machen.

wer hat's geschrieben?

Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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