My private gender confusion

Stell dir vor, du wachst eines Tages auf und eine der zentralsten Kategorien nach denen Menschen in unserer Gesellschaft eingeordnet und bewertet werden, macht für dich keinen Sinn mehr. Eine persönliche Lagebeschreibung zur Einordnung in die Geschlechtermatrix.

Das wird wohl der schwierigste Artikel, den ich bis jetzt verfasst habe. Schwierig deshalb, weil er sehr persönlich ist und die Frage mit der ich mich beschäftige eine der zentralsten Kategorien, über die wir Menschen es gewöhnt sind uns zu definieren, betrifft: Geschlecht. Und ich behandle diese Kategorie einmal nicht abstrakt, sondern persönlich … an mir.

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich nun auf unterschiedlichen Ebenen mit Themen rund um Gender, Sexualität, Begehren und Gesellschaft. Die Ebene auf der ich das bereits am längsten tue, ist meine persönliche. Das Nachdenken und Ausprobieren, das Nachlesen und Weitertreiben, das bessere Kennenlernen und mutiger Werden stellt mich nun vor ein Problem. Ich werde von der Gesellschaft als Mann gelesen, auch mein Pass sagt, ich sei männlich, ich weiß aber, ich bin es nicht. Ich bin mir wohl dessen bewusst, dass ich als weißer Mann aufgewachsen und sozialisiert worden bin. Die Schnittmenge an Eigenschaften, die Cis-Männer und ich teilen, beschänkt sich aber auf, von der Gesellschaft, aufgrund von mir zugeschriebenen Attributen, gewährte Privilegien und die auf mich projezierten Rollenbilder.

Diese Rollenbilder kann und will ich immer weniger einhalten, mit der Konsequenz, dass die Gesellschaft meine Übertritte sanktioniert. Blicke und blöde Sprüche sind dabei das wenigste Problem, die bin ich gewöhnt, seit ich offen schwul lebe. Was wirklich weh tut ist, dass mir Integrität und Glaubwürdigkeit aberkannt werden. Solange ich mich innerhalb der Codes des mir zugedachten Geschlechts aufhalte, komme ich zu Wort, werde für kluge Aussagen bewundert, wenn ich etwas sage wird darüber nachgedacht und darauf reagiert. Sobald ich die Codes breche werde ich belächelt. Eine tolle Verkleidung sei das. Meine „Kunstfigur“ wird geliebt. Manche schwule Bekannte finden es amüsant, dass ich Codes vermische, aber natürlich mit dem sofortigen Verweis darauf, dass ich „als Mann“ wesentlich sexier sei. „Ich als Mann“ bin nicht wesentlich sexier, sondern passe nur wesentlich besser in deren Kategorien und gelernte Schemata. Außerdem gibt es kein „Ich als Mann“, es gibt ein „Ich als Ich“.

Alle diese Gedanken sind mir nach und nach gekommen, nach und nach ist mir aufgefallen, dass da irgendwas nicht stimmt, wenn ich mir immer genau überlegen muss, ob ich am Abend zumindest einen Funken Chance auf einen Flirt haben möchte, oder eben Stöckel tragen. Beides gemeinsam geht nicht. Ich erinnere mich noch genau an die verzerrten Gesichter und die verwunderten Minen, als ich das erste Mal mit lackierten Fingernägeln aufgetaucht bin. Eh klar, der Muriel, um jeden Preis auffallen und provozieren. Nun wie kann es denn sein, dass sich jemand von lackierten Fingernägeln provoziert fühlt? Na, weil eigentlich alle um das männliche Privileg wissen und allen klar ist, wie prekär Männlicheit ist. Der kleinste Verstoß gegen Konventionen und schon ist man draußen aus dem Männerbund. Nur kurz zur Erklärung: Das Privileg der Cis-Männer wird nicht nur durch sie allein hergestellt, sondern durch Alle. Ein Innen gibt es nur, wenn es ein Außen gibt (das zusieht).

Nun führen mich meine Gedanken also weiter. Ich liebe Theorie, weil man mit ihr Strukturen entdecken und dekonstruieren kann, an die es ansonsten kein Herankommen gäbe. In der Theorie zeigt sich, dass JEDE Einteilung ausschließlich getroffen wird, um zu bewerten. Es gibt immer zumindest das „Etwas“ und sein Gegenteil, wobei das eine besser bzw. höher bewertet wird, als das andere. Es gibt also zB ein definiertes Männliches, von dem das nicht-männliche abgerenzt wird. Es gibt außerdem eine Gruppe die Frauen genannt wird, und die ebenfalls definiert ist, aber nur, als das Gegenteil des Mannes. Alles was sich außerhalb dieser zwei Pole verhält, ist höchstens psychisch krank, wird also von der hegemonialen Bewertung noch hinter die Verliererinnen gereiht. Heraus kommt der Mann als Krone der Schöpfung, die Frau als seine Dienerin und die paar vernachlässigbaren Psychos. So stellt sich heute die (eher unbewusste, faktische) Wertung in der hegemonialen Gesellschaft dar.

Vom Gedanken ausgehend, dass ein Innen nicht nur durch sich selbst, sondern auch durch sein Außen konstituiert wird, ist also schon die Selbstbezeichnung als Mann oder Frau ein Akt, der die Ungleichheit fortsetzt. Soweit so gut; In der Theorie nennt man diese, meine bahnbrechende Selbsterkenntnis seit ein paar Jahren ‚postgender‘. Allenthalben wird sogar behauptet, ‚wir‘ seien da schon angekommen im ‚Postgender‘-Zeitalter. Ich kann dir sagen: Nein! Nein, es ist nach wie vor nicht egal, welches Geschlecht dir bei der Geburt zugedacht wird. Nein, es gibt keine Gleichberechtigung von weißen Männern und anderen Menschen. Und Nein, die Binarität der Geschlechter ist nirgendwo aufgelöst, denn sonst hätte ich es in letzter Zeit nicht ständig mit schockierten Menschen zu tun, die mich fragen, ob ich mich jetzt umoperieren lassen will.

Mir ist das wirklich passiert. Ich bin eines Tages aufgewacht und mir hat etwas gefehlt, nämlich mein Geschlecht oder besser mein Geschlechtsgefühl, denn natürlich ist physiologisch alles immer noch da, wo es immer war, aber die reine Materialität hat für mich noch nie mein Geschlecht ausgemacht. Mein Geschlecht war immer einfach da; ein Gefühl in mir, ich wusste einfach, dass ich ein Mann bin. Ein weißer, männlicher, bürgerlicher, schwuler Mitteleuropäer. Ja und plötzlich war dieses Gefühl nicht mehr da. Aber, was bin ich dann jetzt? Ein*e weiße*r, bürgerliche*r, schwule*r Mitteleuropäer*in? Da kam ich dann ins Stolpern und Stottern. Eine Person jenseits von Geschlecht? Trans*? Nicht mehr Mann, aber trotzdem schwul? Was sollte das alles, wie sollte ich dieses neue Gefühl einordnen und für mich benennen? Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich das Privileg einfach noch nicht ablegen kann, schwul zu sein. Das klingt erst einmal befremdlich, wo ich doch nicht müde werde zu betonen wie schwierig das sei, und wo doch die fundamentalste Voraussetzung für den Begriff ’schwul‘ die Existenz von ‚Männern‘ ist. Das schwul sein, das für mich so unentbehrlich ist, ist Schwul zu sein als Lebensstil, als politische Identifikation auch als Verbindung zu einer gewissen Geschichte, es beschreibt mich und erfüllt mich immer noch, dazu muss ich kein Mann sein. Also gut, nicht mehr Mann, aber auch keine Frau. Was dann? Nach einigem Nachdenken bin ich draufgekommen, dass mein Selbst wohl im Postgender angekommen ist, ich brauche mein Geschlecht nicht mehr um mich darüber zu definieren, denn ich definiere mich selbst als Ich. Jetzt aber kommt die Schlusspointe: Natürlich brauche ich mein Geschlecht nicht, denn ich werde ja nach wie vor als weißer, männlicher Mitteleuropäer gelesen und belächelt, wenn ich „mal wieder provoziere“.

wer hat's geschrieben?

Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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