„Nimm Mich – Gib’s Mir“

In diesem Artikel möchte ich die Aussage: „Der Mann hat einen Körper, die Frau ist ein Körper.“ überprüfen und anhand einiger Überlegungen zeigen, wie sehr diese unseren Umgang mit Geschlecht_lichkeit prägt. Weiblich* und männlich* stellen in unserer Gesellschaft eben eher soziale Kategorien, als biologische Faktoren dar und haben damit unmittelbar Einfluss auf die unter sie summierten Menschen.

Einen Körper haben

Diese Erfahrung machen wir alle. Wir sehen uns im Spiegel an und erfahren uns als Menschen, die einen Körper haben. Mit Gliedmaßen, einem Rumpf, einem Kopf. Einige von uns können über diesen Körper verfügen, Tänzer zum Beispiel oder Akrobaten, Andere nicht so sehr. Jedenfalls erleben wir uns und unseren Körper als zweierlei Dinge. Spätestens seit Descartes, der mit seinem „cogito ergo sum“ – „ich denke also bin ich“ die Zweiteilung von Geist und Körper festgeschrieben und in unsere Kultur einschreibbar gemacht hat. Da ich mich von mir selbst getrennt erfahren kann, einen Geist habend, der über einen Körper verfügt, und zwar in jeder erdenklichen Weise über diesen bestimmt, ja diesen sogar auslöschen kann, bin ich. Ich werde ich durch meinen Körper den ich mit meinem Geist als meinen wahrnehme. Ich kann diesen Körper geben, bewegen, und mit diesem Körper, diesen wie ein Werkzeug benutzend, handeln.

Ein Körper sein

Hinter dieser Formulierung steckt die Einheit der Person mit dem Körper in dem sie mit ihrer Umwelt in Interaktion tritt. Sie wird nicht getrennt von ihrem Körper als eigentständiges handelndes Wesen wahrgenommen, sondern als objektivierter Körper. Die Person verfügt nicht über eine Instanz wie die Ratio, die vom Körper getrennt ist, und mit kühlem Verstand und Logik Handlungen bestimmen, planen und setzen kann. Wenn sie überhaupt zu handeln fähig ist, dann wird sie durch Emotio gelenkt. Wie ein Grashalm oder eine Meeresalge unterliegt sie äußeren Einflüssen und ist reaktiv auf ihre Umgebung eingestellt.

Während einen Körper zu haben bedeutet, zu seiner eigenen Körperlichkeit Abstand nehmen zu können, darüber reflektieren und in letzter Konsequenz verfügen zu können, heißt ein Körper zu sein, mit diesem ident zu sein und identifiziert zu werden. Einen eigenen Körper zu haben, über den verfügt werden kann bedeutet auch, dass ich diesem Körper etwas zuführen oder abtrennen kann, ohne dass es mein Selbst betrifft, es betrifft nur den von mir selbst verwalteten Körper. Wenn ich aber als Ganzes ein Körper bin, so kann ich meinen Körper nicht verändern ohne mich selbst zu verändern. Ich BIN der Körper.

Besitz und Eigentum

Sogar wenn wir einen menschlichen Körper als Arme, Beine, Rumpf und Kopf denken, können wir schon ausmachen, wo der Unterschied liegt, zwischen ‚einen Körper haben‘ und ‚ein Körper sein‘. Wenn wir diesen Körper nun aber als politischen Körper verstehen, so wird uns klar wieso sich über Jahrhunderte Eigentums- und Besitzverhältnisse auf eine bestimmte Art und Weise gestaltet haben.

Frauen die per se ein Körper sind, können gar nicht über sich selbst und ihren Körper verfügen, denn sie sind mit diesem ident. Sie sind per se ein Körper der der Familie zugehörig ist, der er entstammt. Dieser Körper kann nun verhandelt und gehandelt, also besessen und veräußert werden. Dieser Körper stellt also durchaus einen gewissen Wert dar, auf den es gilt aufzupassen. In vielen Kulturen ist es die Jungfräulichkeit, die Schönheit, die Jugend die den Wert einer Tochter bestimmt. Die Codes unter denen dieser Wert verhandelt wird unterscheiden sich allenthalben, die Auswirkungen und Bewertungen sind immer die selben. Ist sie fruchtbar? Bringt sie Söhne zur Welt? Ist sie tugendhaft? Und so kann sie, die Tochter, der unbefleckte Körper, der Familie Ehre und sozialen Aufstieg bringen, insofern sie gut verheiratet werden kann. Sie existiert dabei nicht als ein Selbst. Um sie selbst zu werden muss sie verheiratet werden, muss sie einen Mann haben, einen möglichst guten.

Der gute Mann wird dabei durch sozialen Rang, Vermögen, Status und Macht definiert. Er hat einen Körper und damit meine ich nicht nur einen physischen, sondern auch einen politischen. Diesem Körper kann Besitz und Eigentum einverleibt werden. Dieser Körper kann in eine Position gebracht werden, strategisch eingesetzt. Dieser Körper kann handeln und behandelt werden, denn es gibt diese zusätzliche Instanz außerhalb seiner, die dazu fähig ist mit und durch ihn zu handeln.

Von der Tochter zur Ehefrau

Sobald die Tochter dann in den Besitz des Ehemannes übergegangen ist, also dessen Familie angehört, wird sie des weiteren von diesem versorgt und beschützt. Sie gehört nun nicht mehr zum politischen Körper des Vaters, sondern zu dem ihres Gatten, der des Weiteren und zukünftig ihre Sicherheit und Unversehrtheit garantiert. Die Gattin hat keinen Körper sie ist für das Haus und die Familie, also das Innenleben des politischen Körpers des Mannes zuständig. Ihr Wirkraum ist das Haus (Oikos) während seiner die Stadt (Polis) ist. Einzig in der Reproduktion, bei der sie aus ihrem Körper selbst Leben schafft, wird sie zum Teil handlungsfähig. Die Verwirklichung der Frau liegt darin, Kinder zur Welt zu bringen und sie, als Teil ihres Körpers zu versorgen. Sie sichert also die Nachkommenschaft, sie ist das Gefäß in das der Mann seinen Samen tut, um auf wundersame Weise den Fortbestand des Hauses, der Familie zu gewährleisten. Dieser Fortbestand bedarf natürlich erneut eines politischen Körpers und nicht nur eines weiteren Gefäßes, sodass es eben der erstgeborene Sohn ist, durch den die Mutter sich ver_wirk_licht. Ihr Wirken besteht darin, (mindestens) einen Körper zu schaffen, der auch handlungsfähig ist. Natürlich muss dabei auch sichergestellt sein, dass der Sohn tatsächlich vom Vater und Gatten stammt. Daher muss sichergestellt werden, dass kein sexueller Kontakt mit anderen Männern stattfindet. Diese Praxis und Notwendigkeit führt zum Ideal der keuschen Frau, der Heiligen. Gleichzeitig muss sie aber natürlich als Teil des Körpers ihres Mannes dafür sorgen, dass dieser glücklich und zufrieden ist, also sexuell für ihn verfügbar und reizvoll sein. Daher wohl das Diktum der Frau als „Heilige und Hure“.

Im Hinblick auf einen Artikel zum Thema „Rape Culture“ den ich bald veröffentlichen werde, möchte ich hier nocheinmal zu bedenken geben, dass die von mir hier beschriebenen Mechanismen heute zum Teil weniger oder nicht mehr greifen, sich jedoch tief in unsere Gesellschaft und unsere Idealbilder eingeschrieben haben.

Die Unmöglichkeit einen Körper zu haben

Erst jüngst führte uns wieder einmal der internationale Sportjournalismus und die Twitter*szene vor Augen, dass es für Frauen unerheblich ist, ihren Körper einzusetzen, wenn sie nicht dem gängigen Verständnis von Schönheit und Weiblichkeit entsprechen.

Wimbledon ist eines der wichtigsten Sportereignisse des Jahres, vor allem natürlich für die Teilnehmenden. Nur Eine*r kann gewinnen und dieses Jahr war das Marion Bartoli. Die auf ihren Sieg folgenden Reaktionen der Journalisten und Twitterer waren gelinde gesagt peinlich. dieStandard.at schreibt: Der US-Tennisstar John McEnroe, der das Frauen-Finale kommentierte, äußerte live, dass Bartoli „nicht so aussieht, wie man sich eine Athletin vorstellt“. John Inverdale von der BBC sagte kurz nachdem die Französin das Finale gewonnen hatte: „Glauben Sie, Bartolis Vater hat ihr als Kind gesagt ‚Du wirst nie ein Hingucker sein, du wirst nie eine Scharapowa sein, also sei angriffslustig und kämpfe‘?“ (Die BBC entschuldigte sich dafür) Der Sport-Informations-Dienst ’sid‘ ließ im Bartoli-Porträt „Die etwas andere Tennis-Heldin“ wissen, dass sie „nicht nur äußerlich eher an eine Diplompsychologin als an eine Wimbledon-Siegerin erinnert“. Völlig jenseitig jedoch das Schauspiel, das sich im Anschluss an Bartolis Sieg im Social-Media-Kanal Twitter bot.

Die wüstesten Beschimpfungen und Drohungen waren dort zu lesen. Von „This Bartoli chick is a fat slob“ bis zu „Fuck Bartoli. Fucking fat ugly fuck. Fuck sakes“. Und auch ein Klassiker unter den Sexismen reihte sich dort ein: „For the first time ever a man wins the women’s Wimbledon Final! Go team men“. (Zu hässlich für Wimbledon? eks, dieStandard.at, 9.7.2013)

Nicht nur sind die Reaktionen beleidigend und daneben, die Hauptsache, nämlich der sportliche Sieg, wird völlig nebensächlich, angesichts der Tatsache, dass der Körper dieser Frau nicht den gängigen Standards einer Athletin entspricht. Sie kann nichts außerhalb ihres Körpers erreichen. Sie ist keine Athletin, weil sie keinen athletischen Körper hat. Nicht einmal wenn sie Wimbledon gewinnt ist sie Athletin. Sie verfügt nicht über ihren Körper sondern er definiert sie und wird von außen definiert durch Zuschreibungen. Sie wird zu allem gemacht „angriffslustig und kämpferisch“ sei sie weil sie, so wird unterstellt, eben „nie ein Hingucker“ sein wird, sie erinnere „äußerlich eher an eine Diplompsychologin“, häßlich und fett sei sie ja eigentlich sei sie, die Siegerin des Wimbledon Finales ein Mann. Die Aussage in der sie dem „team men“ zugerechnet wird, ist übriges auch die einzige in dem sie als die Siegerin von Wimbledon bezeichnet wird. Gottseidank schaffte es weder die internationale Presse, noch die Twitteranten sie um eine Antwort verlegen zu machen, so zitiert sie die.Standard.at wie folgt: „Habe ich jemals davon geträumt, einen Modelvertrag zu bekommen? Nein. Habe ich jemals davon geträumt, Wimbledon zu gewinnen? Absolut!“ (Zu hässlich für Wimbledon? eks, dieStandard.at, 9.7.2013)

Wer nicht hören will, muss fühlen

Das vorangegangene Beispiel zeigt eindringlich, mit welchen Sanktionen Personen rechnen müssen, die sich nicht an die, immer noch rigide überwachte, Verteilung von Erlaubnis, Verbot und Definition halten. Gesellschaftliche Ächtung und jegliche andere Formen von Gewalt drohen und halten alle schön an ihrem Platz. Es ist uns eben schon völlig bewusst, dass Männlichkeit und die damit verbundene Handlungsfreiheit und -möglichkeit ein Privileg darstellt. Des weiteren ist uns bewusst, dass dieses Privileg zwar per Geburt verliehen wird, allerdings höchst prekär ist. Kein Wesenszug wird einem so schnell abgesprochen wie Männlichkeit. Ex negativo können eigentlich alle von uns sofort definieren was Männlichkeit ist, nämlich dadurch was als „unmännlich“ gilt. Schwach, geschwätzig und emotional seien sie die Nicht-Männer. Hysterisch und Triebgesteuert, stets darauf bedacht den tugendhaften rationalen Mann von seinem Weg, die eigene profane Körperlichkeit zu überwinden, die Hülle hinter sich zu lassen und zu transzendieren zum Höheren, abzubringen. Sie füttern ihn mit Äpfeln der Erkenntnis und schauen in die Zimmer die zu betreten ihnen ausdrücklich verboten wurde. Sie sind das andere, das nicht definierte, das wogegen sich die Tugend abgrenzt.

Movens Ratio vs. Movens Emotio

Eben dieses unberechenbare macht Angst und diese Angst ist es nun die dazu führt, dass alles abgewogen, gemessen, berechnet und geplant werden muss. Einerseits weil Mann kann, andererseits, weil Frau ja könnte. Damit meine ich, sie könnte ja etwas anrichten, es könnte etwas passieren, das den Mann seiner Position beraubt, das ihm die Handlungsfähigkeit raubt. Am verletzlichsten sind Männer wenn sie lieben, oder sonstige Gefühle haben. Der Held verliert immer, wenn seine Geliebte, meist weil sie zu dumm oder ungeschickt war, auf sich selbst aufzupassen, oder seinen Anweisungen zu folgen in die Fänge des Antagonisten gerät. Er verliert seine Handlungsfähigkeit, denn Sie ist seine Schwäche. Sie, die per se als Körper, als Besitz definiert ist und es bleibt die Frage „why can’t a woman be like a man?“

Misogynie

Alles Definierte braucht ein Negatives wogegen es abgegrenzt werden kann. Der Mann ist das Aktive, das Außen und das Rationale und damit handlungsfähig und handlungsberechtigt. Sie dagegen ist das Andere und als solches ist Sie gefährlich. Aber nicht nur Sie ist gefährlich, sondern es besteht auch ständig für den Mann die Gefahr, dass ihm sein Privileg einen Körper zu HABEN abgesprochen wird, dass er es verliert. Aus diesem Umstand ergibt sich eine Weiblichkeitsfeindlichkeit, eine Misogynie, die ich in unserer Gesellschaft als konstitutiv und strukturell allumfassend beschreiben würde. Sie zieht sich durch sämtliche Diskurse und gesellschaftlichen Bereiche und bestimmt seit jeher unseren Umgang miteinander. Erst seit dem Aufkommen des feministischen Diskurses lässt sich langsam zumindest auf analytischem Gebiet Erhellung und Erkenntnis feststellen. Solange wir aber, Frauen und Mädchen mit „zu kurzen Röcken“ für ihre Vergewaltigung verantwortlich machen, anstatt den Vergewaltigern die Schuld zu geben; solange wir Weiblichkeit am Aussehen von Körpern und Reproduktionsarbeit und Männlichkeit an Potenz und Leistung festmachen, solange werden sich viele gesellschaftliche Probleme nicht lösen lassen.

zum Weiterlesen:

Beauvoir, Simone de: Das andere Geschlecht, Sitte und Sexus der Frau, Rowohlt, Hamburg, 2000 (orig.: Le Deuxième Sexe, Librairie Gallimard, Paris, 1949)
Fromm, Erich: Haben oder Sein, die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft; Deutsche-Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1976.
Penny, Laurie: Fleischmarkt, weiblicher Körper im Kapitalismus, Nautilus, Hamburg, 2012.

zum Weiterkucken:
www.youtube.com/feministfrequenzy

Disclaimer

Es ist mir bewusst, dass dieser Artikel aus einer weißen, männlichen, eurozentrischen, christlich geprägten Perspektive geschrieben ist. Ich beabsichtige keine generelle Aussage zu treffen. Im folgenden sollen zu diesem Thema Artikel zu Wissenschaftlichkeit, Rape Culture und ‚queering society‘ erscheinen.

wer hat's geschrieben?

Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.