Irre(n) ist menschlich

Rassismus, Sexismus und alle anderen diskriminierenden, ausschließenden Äußerungen und (verbale) Gewalttaten passieren täglich, viele davon lernen wir als Kinder kennen und als normal zu akzeptieren. Wir bemerken sie bald nicht einmal mehr innerhalb der Sprache und müssen sie später aufwendig aus unserem Sprach- und Sprechgebrauch entfernen. Eine, hoffentlich ein für alle Mal, Klärung der Frage „Bin ich (*)-ist*in?“

Ich möchte darauf hinweisen, dass in diesem Artikel beleidigende und gewaltsame Sprache vorkommt.

„Ich hab nichts gegen Ausländer, aber…“ Eine Äußerung die ich, kaum kommt die Sprache auf ein solches Thema, fast immer hören muss. Es passiert bei den besten und „linkesten“ Veranstaltungen, dass Leute nicht verstehen, warum es eben doch Rassismus ist, wenn ich in einer Geschichte, für die es nicht relevant ist, erwähne, welche Nationalität bzw. Hautfarbe die Beteiligten hatten. Durch das Publikum darauf aufmerksam gemacht, wird dann aber nicht eingestanden, dass ich mich geirrt habe, sondern auch noch gesagt: „Ich bin sicher kein*e Rassist*in, weil ich habe eine*n ausländische*n Partner*in.“

Diskriminierung kommt vom altgriechischen Wort ‚diskriminé‘, das nichts Anderes bedeutet als ‚unterscheiden‘. Diskriminierung heißt also Unterscheidung und allein durch die Unterscheidung diskriminiere ich schon. Um es noch deutlicher zu sagen macht die Unterscheidung schon die Wertung aus, denn es muss einen Wertunterschied geben ansonsten müsste ich es nicht unterscheiden. Noch deutlicher: der Unterschied muss etwas bedeuten, sonst hätte ich ihn nicht erwähnt. Am praktischen Beispiel heißt das ich bin so lange kein*e Rassist*in, wie ich nicht zwischen Herkunft/Nationalität/Ethnie unterscheide, wenn es nicht wichtig ist (und es ist praktisch nie wichtig). Das klassische Beispiel ist die Schlagzeile in der Zeitung, in der ich komischerweise nie lese „der deutsche Max Mustermann“, aber ständig Formulierungen wie „der Kroate XY“ oder „der Mörder, Sohn eines türkischen Vaters, XY“ als ob der Grund der Namenserwähnung etwas mit Herkunft oder Verwandtschaftsverhältnissen zu tun hätte.

Wer zwischen Inländern und Ausländern unterscheidet, akzeptiert das Konzept von Nationalstaaten und ist in diesem Moment Nationalist*in. Nationalist*innen stärken direkt die bürgerlich, rechte Richtung und damit Rassismus, Sexismus und HomoBiTrans*phobie. Grade neulich habe ich während einer Sportübertragung im Fernsehen als Reaktion auf die Fans des nicht-ortsansässigen Clubs eine der schlimmsten Nazi Bezeichnungen für geächtete Personen gehört, die es gibt. (das Wort hier aufrufen, um Missverständnissen vorzubeugen) Die Reaktion auf meinen vehementen Protest war, wie nicht anders zu erwarten, völliges Unverständnis, die Konsequenz war, dass die Behauptung unter Verwendung einer Umschreibung wiederholt (und damit bestärkt!) wurde. „Na aber stimmt ja, die sehen ja wirklich aus wie ‚das böse Wort‘.“

DAS GEHT GAR NICHT! Nicht erst wenn ein Mensch aus der Nase blutet war Gewalt im Spiel. Hassgewalt geht da los, wo eine Kategorie über einen Menschen gestülpt wird und diese Person deshalb leiden muss. Also schon bei der Verwendung von Sprache und Blicken. Sprache kann auf eine Art verletzen, deren Zerstörung auch noch lange nach dem Angriff andauert.

Die eigenen Sprach- und Sprechgebräuche zu verändern ist ein Prozess. Von Anfang an werden Fehler gemacht und diese gehören genau so zum Prozess, allerdings müssen sie als solche erkannt und anerkannt werden. Wenn ich darauf hingewiesen werde, dass ich gerade Etwas verletztendes gesagt habe, dann entschuldige ich mich zu allererst. Wenn ich nicht verstehe, warum das passiert ist, woran die Verletzung gelegen hat, dann kann ich das Gespräch suchen und es mir erklären lassen. Aber auch da sollte ich behutsam sein. Verstanden zu haben wie die Verletzung oder Übertretung funktioniert heißt aber nicht, dass ich dann in der gewohnten Sprache weitersprechen kann. Es heißt ich muss mir eine neue zulegen. Ich muss also ständig daran arbeiten, kein*e Rassist*in, kein*e Sexist*in, kein*e Nationalist*in usw. zu sein. Das ist unsere gesellschaftliche und vor allem sprachliche Prägung, unsere Verwendung und Interpretation von Sprache sind gewalttätig. Eine Gesellschaft die uns so prägt sollte, nein, muss verändert werden und das macht jeder Mensch indem er*sie bei der Sprache und dem Denken anfängt.

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu deinen Worten
Achte auf deine Worte, denn sie werden zu deinen Handlungen
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden zu deinen Gewohnheiten
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden zu deinem Charakter
Achte auf deinen Charakter, denn er wird zu deinem Schicksal.
(aus dem Talmud)

Es gibt ein paar einfache Handlungsmaximen, an die ich mich halten kann wenn ich gerne auf der sicheren Seite bleiben möchte:

Ich bin verantwortlich dafür, was ich sage und auch, wie es ankommt.
Verantwortung ist etwas aktives, etwas,das ich selbst aktiv tue, das heißt ich denke darüber nach was und wie ich es tue.
Falls ich eine Äußerung gemacht habe, die verletzend war, muss ich auf die verletzte Person zugehen und mich entschuldigen.
Kein Fehler ist unverzeihlich. Meist bin ich selbst es, die*der sich Fehler nicht verzeihen kann, weshalb ich sie verneine und von mir weise. Angst vor Fehlern sollte nicht dazu führen, dass ich mich gar nichts mehr zu sagen traue.
Irren ist menschlich. Einen Irrtum zuzugeben äußerst schwierig und unangenehm. Trotzdem ist es der einzige Weg wie wir lernen. Die Ablehnung einer Tatsache macht sie nicht ungeschehen. Nur, sie nicht zu wiederholen.
Mein Handlungsgrundsatz sollte Wertschätzung und Respekt sein. Vielleicht sogar das Ziel anderen eine Freude zu machen.
Ich bin am wichtigsten, gleich nach den Anderen!

Seid lieb zueinander und unterstützt euch!

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Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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