Homophobia is Russian?

Die Augen der Welt sind auf Russland gerichtet, denn dort wurde vor wenigen Monaten ein Gesetz gegen ‚homosexuelle Propaganda‘ erlassen. Seither steigen die Gewalttaten gegen Schwule und Lesben, werden Strafen verhängt und Leute kriminalisiert. Aber warum eigentlich?

Als vor einigen Monaten das erste Mal in verschiedenen Medien zu lesen war, dass St. Petersburg ein Gesetz verabschieden wolle, das so genannte ‚Homopropaganda‘ verbieten und unter Strafe stellen sollte, war ich etwas verwirrt, hätte jedoch nie gedacht, dass dieses Gesetz durchgehen würde. Heute stehen LGBs in Russland vor der Realität eines flächendeckenden nationalen Gesetzes, das homosexuell begehrende Menschen, die Verwendung unserer Symbole und Messages und auch die öffentliche Bekundung von Zuneigung unter Strafe stellt. Damit wird es in diesem Land noch schwieriger homosexuell zu sein, eine Beziehung zu führen oder ein selbstbestimmtes, emanzipiertes Leben als Mensch zu führen, wenn ich nicht in die Heteromatrix passe. Aktivismus, um diese Umstände zu verbessern wird dadurch quasi unmöglich bzw. ist mit hohem Risiko verbunden, fordert Mut und Kampfgeist und wir merken selbst, dass plötzlich Kriegsrhetorik notwendig wird, um zu beschreiben was vor sich geht.

Ein Nationalstaat führt also einen (Rechts-)Krieg gegen ca. ein Zehntel seiner Bewohner*innen.1 Vor allem nationalistische Gruppen, so zumindest die internationale Presse, werden zunehmend gewalttätig gegen Homosexuelle, ‚Homo-Morde‘ werden häufiger. Schwule, Lesben aber auch andere von der Hetero-Norm abweichende Menschen, die den Mut haben dies öffentlich zu bekunden, oder die auch nur verdächtigt werden eventuell abzuweichen können so zu Opfern werden. Es hat sogar manchmal den Anschein, es habe eine regelrechte ‚Homo-Hetze‘ begonnen. Homosexualität wird als schädlich bezeichnet; schädlich für den Staat, die Wirtschaft, schädlich vor allem für die Jugend. Wie seit Jahrtausenden werden homosexuell begehrende Menschen zu Kindesverführer*innen erklärt. Sie zersetzen den Staat, die Moral und überhaupt seien sie widernatürlich. Die Rechtfertigungsrhetorik entspricht der Tradition. Die Methoden ebenso. Bleibt abzuwarten, ob das Modell der Internierung ebenso traditionell gehandhabt werden wird wie in Deutschland, Guantanamo, oder (um im Land zu bleiben) vor ein paar Jahrzehnten in Sibirien. Ich glaube es wird schon klar worauf ich hinaus möchte. Wieder einmal wird Minderheiten-Hetze eingesetzt, um einer Bevölkerung die Hoffnung zu geben, dass alles ganz einfach zu lösen sei, wenn nur die Minderheit X – die Wurzel des Problems – aufgelöst werde. Bis vor kurzem hatten diese Gesetze keine weiteren Auswirkungen für die Politiken des (vor allem ‚westlichen‘)’Auslandes‘. Dann begann vor wenigen Wochen die Diskussion über die anstehenden Olympischen Spiele. Werden, oder werden nicht die Gesetze für dieses Event gelockert? Gelten die Gesetze dann für nicht-russische Athlet*innen vielleicht nicht oder anders? Ja und da wurde dann ganz klar gestellt, Gesetz ist Gesetz und da werden keine Ausnahmen gemacht. Das Gesetz repräsentiere nämlich eine Mehrheitsmeinung der russischen Bevölkerung und daher sei es demokratisch. Es auszusetzen wäre undemokratisch und damit nicht rechtens.2 Dadurch wird natürlich die Diskussion, ob und wie diese Olympischen Spiele in Sotchi stattfinden können angefacht, ausgeweitet – aber Moment mal – welche Diskussion? Tatsächlich wundert sich die aufgebrachte Tunte darüber, dass kaum durch Vertreter*innen diskutiert wird. Die Politik des ‚Auslandes‘ hält still, auch das olympische Komittee handelt eher zögerlich. Es wird einzig versucht, eventuell doch die Gesetze auszusetzen für die Dauer der Spiele. Eine klare Geste, Haltung oder gar Handlung suchen wir vergeblich.

Das war schon einmal ganz ähnlich, als 1936 die Augen der Welt auf ein ästhetisches Riefenstahlgewitter in Berlin gerichtet waren. Hier hatte der Wille triumphiert und das olympische Komittee schon einmal eindrucksvoll bewiesen, wie gut sie schweigen können, angesichts von Ungerechtigkeit und Greueltaten gegen (eine) Minderheit(en). Erst wenige Monate zuvor waren die „Nürnberger Rassegesetze“ erlassen worden und es war vermehrt zu beobachten, dass Gewalttaten gegen die diskriminierte(n) Minderheit(en), namentlich vor allem die Juden, erheblich zunahm. Unternommen wurde nichts und das 3. Reich konnte die Spiele hervorragend für die eigene Propaganda nutzen. Übrigens sind die letzten Spiele in einer Diktatur noch gar nicht lange her, mensch erinnere sich an Peking. Plötzlich gab es Menschenrechtsdiskussionen und die Methoden im Reich der Mitte standen im Mittelpunkt des internationalen Medieninteresses. Es hat fast den Anschein, als wäre es ein bisschen en Vogue die Menschenrechtsverstöße von Gastgeberländern der Olympischen Spiele genauer zu beleuchten. Eine Quasi-Ablasshandlung um das westliche Gewissen zu beruhigen. Ein Kanossagang im Sportsgeist, bevor die öffentliche Aufmerksamkeit, die unter den Regimen leidenden wieder in der Dunkelheit des Desinteresses versinken lässt. Es ist Fakt, dass Minderheiten-Hetze seit Jahrtausenden überall auf der Welt eingesetzt wird, um politische Unruhe in der Mehrheitsbevölkerung, wirtschaftliches Versagen der Regierung und Misstrauen gegen diese zu vertuschen und zu unterbinden. Es ist Fakt, dass gegen diese Hetze kaum je Intervention von Außen geholfen hat. Die wenigen Male in denen Länder „befreit“ wurden bedeutete das jahrelange Kriege, Millionen Tote und noch mehr Unrecht. (WK I, WK II, Korea-Krieg, Vietnam-Krieg, Golfkrieg, Irakkrieg um nur einige zu nennen.) Natürlich müssen wir uns müsst ihr euch und auch die Politik sich empören, müssen Protestaktionen gestartet werden, Boykotte, Spendensammlungen durchgeführt werden, müssen Unterstützer*innenschreiben die Moral derer hochhalten helfen, die unermüdlich kämpfen, aber VOR ALLEM muss eine konsequente Selbstbefragung und -beobachtung stattfinden. Wehret der Anfänge! Schaut euch um in den eigenen Reihen. Befragt euch selbst und seid achtsam, wie ihr andere Menschen behandelt und kategorisiert. Für eine freie Gesellschaft und eine konsequente andauernde Auseinandersetzung!

 

1So zumindest die groben Schätzungen. Aus dem Kinsey-Report, einer der ersten Sexualerhebungen der Geschichte, geht hervor, dass nur jeweils 5% der männlichen Testanden ausschließlich homo- bzw. heterosexuell begehren, alle anderen befinden sich irgendwo zwischen den beiden Polen. Dieses Gesetz führt also dazu, dass sämtliche Zwischenstufen ausgelöscht werden. Die Zwangsheterosexualität wird mit Nachdruck realisiert und das einzig davon abweichende Homosexuelle wird verteufelt und unter Strafe gestellt.

2Das mag faktisch auch gar nicht falsch sein. Es wird dabei nur (klarerweise) verschwiegen, dass diese ‚Fakten‘ das Ergebnis von alten Vorurteilen, kulturell gewachsenem Hass und Angst, christlicher Abscheu und nicht zuletzt oder vor allem Dummheit und Nicht-Wissen sind.

wer hat's geschrieben?

Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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