„Homoehe“? Nein danke!

Es handelt sich hier keineswegs um einen Scherz oder eine ironische Überspitzung. In diesem Artikel möchte ich erklären warum ich als queere* Anarchofeminist*in gegen die „Homoehe“ bin. Im Laufe des Artikels soll jedoch auch klar werden, dass das persönliche Glück einzelner Menschen für mich immer im Vordergrund steht. Ich prangere hier das Konzept der Ehe, wie es seit Jahrhunderten besteht an, und plädiere für dessen Abschaffung. Es gibt wunderbare Alternativen zum jahrhundertealten Korsett der bürgerlichen Zweierbeziehung und dem heute bereits im Alltagsleben überkommenen Konzept der bürgerlichen Familie aus Vater²-Mutter²-Kind². Ich finde nichts falsch am Wunsch, auch heute noch nach diesen Traditionen zu leben. Einzig die damit verbundenen finanziellen und gesellschaftlichen Vorteile müssen, wenn überhaupt, nach anderen Kriterien verteilt werden.

Interessanterweise haben es die bürgerlich-konservativen Kräfte innerhalb der Homobewegung (sofern es so eine gibt) seit geraumer Zeit zuwege gebracht, beinahe sämtliche breite, öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema der „Homoehe“ und der Gleichstellung dieser, mit der klassischen heterosexuellen Ehe vor dem Gesetz zu konzentrieren. Interessant ist das deshalb, weil die Homobewegung (sofern es so eine gibt) früher (als es sie definitiv gab und zwar vielfältigst, heterogen und widerspenstig) für den Aufbruch aus heteronormativen Wertenormen stand. Aus dem Gedanken des Widerstandes gegen bürgerliche Normen und Konzepte und der freien Liebe geboren, war es Homos auf der ganzen Welt zwar nicht erlaubt wie Heteros zu leben, das heißt in deren traditionellen Institutionen, aber das wollten viele auch gar nicht. Die Legitimation der eigenen Liebe und des eigenen Begehrens wurde nicht auf den ausgetrampelten mit Blut und Tränen gepflasterten Pfaden von jahrhundertealten Institutionen, wie der Ehe gesucht, sondern in neuen Beziehungskonzepten und widerständigen Sexualitäts- und Emotionalitätsentwürfen. Im Übrigen sei hier erwähnt, dass dies ausgehend aus den 60er bis in die 80er hinein generell und oft unabhängig von sexueller Orientierung (das heißt „auch bei Heteros“) passierte. Eine ganze Generation gab sich dem Versuch hin „echter“ zu lieben, „echter“ zu leben, und sich nicht mehr durch das Wiederholen von Althergebrachtem im schalen Sud ihrer Vorfahren aufzulösen.

Ich sehe vor meinem inneren Auge bereits jetzt die ersten wutentbrannten Leser*innen den Artikel und mich als Verfasser*in verdammen und ich finde das gut, das regt den Blutdruck und damit das Denkvermögen an. Ich möchte erklären, was ich gegen die Institution der Ehe und die bürgerliche Zweierbeziehung vorzubringen habe. Aus feministischer, und aus Sicht von Frauen, war und ist die Ehe geschichtlich als eine Unterdrückungs- und Herrschaftsform anzusehen; eine Institution die wie keine andere das Patriarchat stützte und stützt. Aus dem Besitz des Vaters ging die Frau über in den Besitz des Mannes. Das war früher de fakto so, heute ist dies sehr oft nur noch ein zu vernachlässigender Punkt, da Frauen selbst wählen, und besitzen dürfen, sogar in eingeschränktem Maße erwerbstätig sein können. Ich gehe auf diese Punkte gesondert in einem der nächsten Absätze ein. Durch das Schachern mit Frauen wurden über Jahrhunderte Dynastien erhalten, Ländergrenzen gefestigt, Reichtümer und Wohlstand für ihre männlichen Besitzer gesichert. In den nicht herrschenden Gesellschaftsschichten waren Frauen freilich wesentlich weniger „nützlich“, wohl um den Haushalt zu organisieren, Heimarbeit zu leisten, nicht zu vergessen Reproduktionsarbeit und Kindererziehung, die ja bis heute zu 80% von Frauen übernommen werden und das zu allermeist unbezahlt, allerdings ging es nicht um die Geburt von Kronprinzen und Würdenträgern. Die Frau war in der Ehe ein weiterer Besitz des Mannes, in manchen Kulturen wurden und werden sie ja auch gesammelt wie schöne Kunstgegenstände. Es war allerorts in jedem*r Stand/Schicht/Klasse üblich, dass Frauen zwangsverheiratet wurden, in die Obhut eines völlig fremden, oft wesentlich älteren Mannes gegeben wurden und ihm fortan zu dienen hatten. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts wurde nun einigen Frauen aus bürgerlichem Hause, deren Ehemänner beschäftigt, und deren tägliche Pflichten von Hauspersonal übernommen wurden, bewusst, dass sie keinerlei Rechte hatten, politisch im Land mitzubestimmen. So kam es zu ersten Protesten für „Frauenrechte“, die sich zu allererst auf das Wahlrecht bezogen. (Wenn ich ganz genau sein wollte müsste ich erwähnen, dass es bereits zur franz. Revolution {Olympe de Gauge sei hier genannt} Frauen gab die sich für diese Rechte einsetzten.) Eine breite Frauenbewegung gründete sich aber eben um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert, mit den Suffragetten.

Der lange Weg aus der Rechtlosigkeit

Wie wir heute wissen, war der Kampf der Suffragetten erfolgreich und in den nächsten Jahrzehnten wurde in der europäischen Welt das Wahlrecht für Frauen eingeführt. In Deutschland war dies 1918 der Fall (nutzen konnten die Frauen dieses Wahlrecht erstmals 1919 zur Wahl zur deutschen Nationalversammlung). Allerdings passierte dann erstmal nicht mehr viel. Frauen waren nun als Bürgerinnen anerkannt und hatten das Recht zu wählen. Die völlige Gleichstellung von Mann und Frau tritt erst nach dem 2. Weltkrieg in Kraft (1949 Grundgesetz, Art. 3, Abs. 2). Der Mann behält aber de fakto alle Macht im Haus. Der Staat regelt gesetzlich nur die öffentliche Stellung der Frau, ihre Stellung im Haus wird weiterhin durch den Ehemann bestimmt. Das betrifft vor allem häusliche Gewalt, oft auch die Verwaltung der familiären Finanzen und viele andere Befugnisse der Frau. Erst 1998 wird zB die Vergewaltigung innerhalb der Ehe in das Gesetz als Straftatbestand aufgenommen, bis 2008 bleibt dies ein Meldedelikt, was bedeutet, dass die Ehefrau selbst Anzeige erstatten musste, damit die Staatsanwaltschaft einer Anzeige nachgeht. Dieses Beispiel soll zeigen, wie wenig der Staat daran interessiert ist, in die privaten Sphären, vor allem der Ehemänner, einzugreifen. Nach wie vor ist die Ehe vor allem ein Schutzraum für Männer, auch wenn dies immer wieder anders darzustellen versucht wird. Ein klassisches Beispiel für diese Darstellung ist die Verklärung der bürgerlichen Familie als Schutz- und Wirkungsraum innerhalb dessen sich die Frau verwirklichen und zum Subjekt werden könne, denn sie könne Mutter werden, Kinder bekommen und umsorgen und sei durch ihren Ehemann versorgt. Ihre Beschränkung auf das Unterstützen und Zuarbeiten im Hintergrund soll ihr als Vorteil und Bequemlichkeit verkauft werden. „Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau“. Bis heute hat dieser Gedanke starke Auswirkung auf Zweierbeziehungen. Die allermeisten funktionieren nach dem Prinzip, dass ein*e Partner*in vorne steht, den Großteil des Geldes nach Hause bringt und ein*e Partner*in den Großteil der Versorgungs- und Hausarbeit, oft auch Reproduktionsarbeit leistet. Ich meine damit nicht die klassische 50er Jahre Ehe, sondern ein gesellschaftliches Prinzip, das unausgesprochen hegemonial zu sein scheint. Bei heterosexuellen Beziehungen wird als Grund dafür warum dieses Prinzip „normal“ sei oft der „natürliche Kinderwunsch von Frauen“ angeführt. Denn wir wissen, jede Frau ist eine tickende Zeitbombe die irgendwann Kinder haben will …

Frauen und ihr natürlicher Kinderwunsch

Es scheint eine Art allgemeines Wissen zu sein, dass Frauen sich früher oder später nach Kindern sehnen. Da können auch keine Sozialreporte, Nachwuchsstatistiken und sonstige Zahlenwerke etwas daran ändern. Frauen wünschen sich also früher oder später ein Kind. Das wissen auch Personalabteilungen und fragen, nach wie vor, gesetzlich erlaubt oder nicht, regelmäßig bei Vorstellungsgesprächen nach der „Familienplanung“ einer Frau. Wenn sie antwortet, sie hätte gern Kinder, kann sich das negativ auswirken, aber ebenso, wenn sie das Gegenteil behauptet, denn so richtig glauben tut das niemand.

Warum erwähne ich das hier? Na, weil Männer nach so etwas nie gefragt werden, denn es ist selbstverständlich, dass sie in den Mutterschutz geht. Die wenigen Männer, die Interesse daran haben es ihren Partnerinnen gleich zu tun, und Zeit mit ihrem Nachwuchs in den ersten Monaten zu verbringen, werden von Kollegen* und Gesellschaft meist belächelt, oft findet man sie ökonomisch ungeschickt, „Wo seine Frau doch viel weniger verdient.“ oder mutmaßt: „Na, da verdient seine Frau wohl mehr als er?“ knufft sich kumpelhaft in die Rippen und freut sich über den Kollegen, der gerade ein Wenig seiner männlichen Souveränität verloren hat. Es ist also ökonomisch, gesellschaftlich, und überhaupt (schließlich „braucht das Kind die Mutter“) sinnvoller, wenn sie daheim bleibt.

Frauen haben also einen Kinderwunsch. Frauen die einen Kinderwunsch hegen, haben es damit aber heute schwerer denn je. Entscheiden sie sich dafür, alleinerziehende Mutter zu sein, dann sind sie während der Zeit der Schwangerschaft und des Mutterschutzes zumindest finanziell (sofern sie erwerbstätig sind oder waren, bzw. sich im Sozialsystem eines Staates wie Deutschland zurechtfinden) abgesichert. Gesellschaftlich sieht dies freilich anders aus. Und nach der Zeit des Mutterschutzes ist es auch mit der finanziellen Sicherheit schnell nicht mehr weit her. Sobald die Mutter ihr Kind allerdings in eine Kita gibt, um wieder der Erwerbstätigkeit nachzugehen, tönt es allerorten „Rabenmutter!“. Nicht anders geht es da Frauen in Beziehungen und verheirateten Frauen, die ihren „Karriereknick“ so gering wie möglich halten wollen, oder aufgrund familiärer, finanzieller Umstände, müssen. Die einzigen, die gesellschaftlich akzeptierte, gute Frauen sind, sind diejenigen, die brav die Schröder’sche Herdpremie in Anspruch nehmen und liebevoll (wie das nunmal in ihrer Natur liegt – bitte verzeiht den ironischen Kommentar) Kinder, Heim und Gatten umsorgen. Dieses Modell ist keineswegs so frei gewählt wie es oft dargestellt wird. Frauen wollen doch lieber bei den Kindern sein heißt es oft. Viele Frauen genössen ihr „Weibchendasein“. Andere kommen dem Kern der Sache schon näher, wenn sie konstatieren, dass es viel klüger ist, wenn die Frau daheim bleibt. Nun woran liegt das? Daran, dass Frauen in aller Regel wesentlich schlechter bezahlt werden, als ihre männlichen Kollegen. Sie haben schlechtere Aufstiegschancen und sind auch sonst zahlreichen, strukturellen Benachteiligungen ausgesetzt. Nicht zuletzt, weil, wie oben schon erwähnt, vorausgesetzt wird, dass Frauen irgendwann sowieso Kinder kriegen, kommen sie erst nicht hoch. Wenn sie sich doch nach oben kämpfen, stoßen sie schnell an eine gläserne Decke, wo regelmäßig männliche Kollegen bei Beförderungsrunden bevorzugt werden. Entweder offen protegiert, oder mit Argumenten wie: „Seine Frau ist schwanger, er hat jetzt bald eine Familie zu ernähren.“ Himmelschreiendes Unrecht! Und so perpetuiert sich, also setzt sich fort, was seit Jahrhunderten wie ein Schatz gehütet und verteidigt wird. Die männliche Dominanz in allen öffentlichen Angelegenheiten, die Unterdrückung der Frau und ihre Beschränkung auf das Häusliche und die Familie, für die sie dann auch noch dankbar sein soll, denn „das bisschen Haushalt macht sich von allein“ und andere Sorgen (wie etwa ihr Mann) braucht sie nicht zu haben, denn sie wird ja versorgt.

Arbeite! Kosumiere!

Frauen sind heute nach wie vor für 80% der Haus- und Reproduktionsarbeit zuständig und erledigen diese auch noch völlig unbezahlt. Mit dieser Aufgabenzuteilung des Häuslichen und der Kinderversorgung geht auch einher, dass Frauen die Konsumentinnen schlechthin sind. Ebenfalls 80% der Konsumtätigkeit wird von Frauen ausgeübt. Von Babynahrung und Kinderkleidung über die Versorgung des Haushalts, in besonders konservativen Lebensentwürfen bis hin zur Krawatte des Gatten kauft und kauft und kauft sie. Wenn ich mich manchmal gefragt habe, wie es sein kann, dass sämtliche Gazetten, Hochglanzmagazine und Fernsehserien für Frauen fast ausschließlich aus Konsumanreizen, Werbung und Product-placement bestehen, dann wird jetzt klar woher das kommt. Zusätzlich allerdings zu den Frauen die in klassischen Familienzusammenhängen leben, gibt es auch diejenigen die noch keine Familie haben, oder keine möchten. Auch diese Frauen werden seit den 80er Jahren zunehmend von spezieller Werbung umgarnt um einen gepflegten Schuhfetisch zu entwickeln oder spezielle Schönheitsprodukte nachzufragen. Die Frau als Konsumdummy wird gebraucht, sonst haben die Jungs irgendwann niemanden mehr _die_ ihnen abkauft, was sie produzieren. Und so ergänzen sich Yin und Yang auch in diesem Kreislauf hervorragend und dürfen damit auch nicht aufhören, denn das wäre eine echte Bedrohung für unsere westliche „Zivilisation“.

Die Ehe als Pfeiler unserer Gesellschaft

Ich sehe die Ehe und die Familie, wie sie heute institutionlisiert und zwischen heterosexuell begehrenden Menschen staatlich und gesellschaftlich geregelt ist, übrigens genau wie katholische, kirchliche und konservative, politische Vertreter*innen, als DAS Standbein unserer westeuropäischen, kapitalistischen, bürgerlichen Gesellschaft. Mit dem Unterschied freilich, dass ich diese Art der Gesellschaft als ungerecht und unmenschlich ablehne. Das ist natürlich eine Haltung, die nur wenige Personen verstehen können, wer gibt schon gern eigene Privilegien auf, um anderen Menschen die Möglichkeit zu geben, den selben Wohlstand zu genießen? Wohl niemand bei Verstand, das ist zumindest, was uns die Konkurrenzgesellschaft lehrt. Das geilste Haus, die schärfste Yacht, das beste Pferd im Stall (auch im übertragenen Sinn) und die Kinder haben bereits mit 4 Jahren einen vollen Terminplan, schließlich sollen sie mal anständige Leistungsträger*innen werden. Vielleicht wird allmählich klar, wie fundamental die Ehe und die bürgerliche Familie in der Ausbeutungslogik und für das Fortbestehen einer kapitalistischen Weltordnung sind.

Nun hat die Ehe aber natürlich Vorteile für diejenigen, die sie eingehen. Steuerliche zum Beispiel, aber auch, was Besuchsrechte und Rechte an geldwerter und nicht geldwerter Vermögens- und Erbmasse betrifft. Es ist natürlich ein himmelschreiendes Unrecht, dass Menschen nicht frei entscheiden dürfen, wer sie am Krankenbett besuchen darf, wer ihre selbstgeschaffenen Kunstwerke einmal erbt und wie viel Geld welche Angehörigen, oder eben auch selbst gewählten Vertrauten bekommen. Ich erkläre mich solidarisch mit allen, denen dieses Unrecht widerfährt. Diesem Unrecht entgegentreten zu wollen bedeutet aber nicht zwangsläufig, sich in bereits bestehende Institutionen und Gesellschaftsnormen fügen zu müssen, sondern bietet vielmehr Raum um gesunde, nachhaltige und kluge Alternativen zu entwickeln. Bevor ich zum Schluss des Artikels einige (nicht von mir erdachte) Vorschläge bringe, wie heute Ehe, Ehegattensplitting, Familien- und vor allem Kinderförderung gedacht werden könnten, möchte ich allerdings noch hinterfragen, wie aus einer Homobewegung die progressiv und antibürgerlich orientiert war, eine Homobewegung (sofern es sie heute so noch gibt) werden konnte, die hauptsächlich daran interessiert scheint an bürgerlichen Pfründen beteiligt zu werden und „in der Mitte der Gesellschaft“ zu landen.

Homo-Spießer*innen

„Da die Schwulen vom Spießer als krank und minderwertig verachtet werden, versuchen sie noch spießiger zu werden um ihr Schuldgefühl abzutragen – mit einem Übermaß an bürgerlichen Tugenden. Sie sind politisch passiv und verhalten sich konservativ als Dank dafür, dass sie nicht totgeschlagen werden. Schwule schämen sich ihrer Veranlagung, denn man hat ihnen in jahrhundertelanger christlicher Erziehung eingeprägt, was für Säue sie sind […] Die Mehrzahl der Homosexuellen gleicht dem Typ des unauffäligen Sohnes aus gutem Hause, der den gröten Wert darauf legt, männlich zu erscheinen.“ („Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt.“, 1971, R: Rosa von Praunheim)

Dieses Zitat trifft auf den Punkt, was ich in eigener Recherche immer wieder feststellen konnte. Schuldgefühle und das genaue Empfinden dafür, wie ausgestoßen und anstößig wir, die nicht-heterosexuell begehrenden Menschen, immer noch sind. Viele Lesben und Schwulen wollen heute heiraten, weil sie sich davon Legitimation erhoffen. Die Legitimation ihrer Liebe vor dem Gesetz, oft auch vor einer intoleranten Familie oder Verwandtschaft. Sie sehnen sich so sehr nach Anerkennung, dass sie nicht merken wie sie sehenden Auges in weitere Ausbeutungsverhältnisse laufen. Sie sehnen sich so sehr nach Anerkennung, dass sie nicht merken, dass NIEMAND ihnen Anerkennung geben kann, die sie sich selbst nicht geben. Anerkennung von Staat und Gesellschaft zu suchen, nämlich einem heterosexistischen Staat und einer heterosexuellen, patriarchalen Gesellschaft heißt auch, diese anzuerkennen und zwar nicht nur als „notwendiges Übel“, sondern als Definitionsmacht! Das ist nun mein persönlicher Vorwurf an Alle. Heten wie Homos wie Space Aliens, die sich nach der Ehe und der Gleichstellung sehnen. Ihr alle macht mit bei einem abscheulichen Spiel um Macht und Geld und Ausbeutung UND die Allermeisten von Euch stehen auf der Verlierer*innenseite. Ihr gebt das was Euch ausmacht, nämlich die Macht über Euch und Euer Sein und Leben selbst zu bestimmen und Euch selbst zu definieren, freimütig an den Staat, die Kirchen und andere Institutionen und lasst euch auslöschen, aushöhlen und zu gesellschaftlichen Marionetten und Platzhalter*innen machen.

Nehmt euch Euer Recht und definiert selbst, wer Ihr seid, wie ihr liebt und wer die Euren sind! Der übliche Trick ist nun zu entgegnen: „Was ist, wenn ich aber heiraten möchte und das genau das ist, was mir zu meinem Glück noch fehlt.“ Ja, dann heiratet doch! Braucht ihr dazu einen Standesbeamten? Kann das nicht ein guter Freund viel besser? Brauchts dazu eine Kirche, eine Orgel und ein Ave Maria? Oder geht es vielleicht nur um die gesetzliche Anerkennung, und würde dann nicht ein offenes Konzept, das nicht zwangsläufig aus nur zwei Personen bestehen kann, genauso genügen. Sagen wir eine staatlich anerkannte Vertrauensgemeinschaft, die statt der Ehe als Bund eingeführt wird, und aus beliebig vielen Menschen bestehen kann? Die Anerkennung der eingetragenen Partner*innenschaft als Ehe bzw. ihre Gleichstellung damit reduziert uns weiterhin auf DIE Beziehung zwischen zwei Menschen. Es wird weiterhin ein Konzept von Treue, Zweisamkeit und Liebe befördert, das ausschließlich aus dem staatlichen Interesse entstanden ist, sein Volk zu vermehren und zu verwalten. Ich habe es satt geschichten von polyamorös lebenden Personen zu hören, deren Liebe nicht als gleichwertig anerkannt wird; die sich mitleidige Blicke und ignorante Formulierungen wie „Wenn du glaubst, dass das die wahre Liebe ist…“ anhören müssen. Ich fordere die uneingeschränkte Anerkennung jeder Liebe zwischen Menschen (auch zwischen Geschwistern übrigens, aber das führt hier zu weit); und ich denke dass die Einführung einer weiteren Möglichkeit die Zweierbeziehung zu legitimieren eine weitere Diskreditierung aller anderen Liebensweisen zur Folge hat.

Die konservativeren unter den Leser*innen werden sich hier schon verabschiedet haben – leider – möchte ich konstatieren, denn jetzt wirds spannend. Ich möchte kurz und prägnant, zugegebenermaßen unausgearbeitete, Vorschläge skizzieren, die ein paar Ungerechtigkeiten aus der Welt oder zumindest aus Deutschland schaffen würden.

Alternativen

Die bürgerliche Ehe wird geschlossen zwischen ZWEI Menschen UNTERSCHIEDLICHEN GESCHLECHTS und zwar zum Zwecke EINE FAMILIE ZU GRÜNDEN. Hier werden drei wichtige Voraussetzungen geschaffen um in den erlauchten Kreis zu dürfen. Interessanterweise ist der erlauchte Kreis vom Konzept her nicht (und nie gewesen) der Kreis derer die legitimiert und richtig lieben, sondern der guter Bürger*innen. Die Ehe wurde nie geschaffen um Liebe zu institutionalisieren, sondern als reine Verwaltungseinheit des Staates und als politisches Instrument. Das machen sich die Wenigsten wirklich klar. Dass wir glauben, aus Liebe zu heiraten, hat sich am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts ganz langsam über Liebesromane und Geschichten entwickelt. Erst im 20. Jahrhundert und auch erst weit nach dem 2. Weltkrieg wurden tatsächlich Ehen aus Liebe in größerer Anzahl geschlossen. Nun gut so weit der Exkurs hierzu.

Zwei Menschen also… Warum? Warum können es nicht mehrere sein? Was ist mit den vielen heute schon existierenden Patchworkfamilien? Es sind viele Konstellationen vorstellbar in denen Liebe (auch erotisch-sexuelle) nicht nur zwischen zwei Personen existiert und auch Familie kann zwischen weit mehr als nur 2 Erwachsenen und einigen Kindern passieren. Haben diese Familien dann nicht das selbe Recht auf eine verbriefte Zusammengehörigkeit? Scheinbar nicht zumindest nicht vor dem Gesetz, denn hier greift die Definitionsmacht Staat brutal durch und fragt wo wir denn da hinkämen wenn Alle könnten wie sie wollten. Na ganz klar wir kämen ein Bisschen weg von den wunderschön verwaltbaren Einheiten die eine Zwei-Erwachsenen-Ehe grantiert.

Unterschiedlichen Geschlechts? Warum? Auch klar, weil sie ja Kinder zeugen sollen, die Eheleute. Soll ja eine Familie gegründet werden. Dass natürlich längst nicht mehr alle heterosexuellen Zweierehen geschlossen werden, um eine Familie zu gründen, und bei einigen andere Gründe mitspielen, warum selbst keine Kinder gezeugt werden (können), wird hier vernachlässigt. Hauptsache die theoretische Möglichkeit besteht. Und zur Not können sie ja adoptieren. Was Homos und Space Aliens aus mir unerfindlichen Gründen ja auch immer noch nicht in vollem Umfang erlaubt wird (es gibt einige sehr wenige Ausnahmen, wie zB HIV+ Kinder, verhaltensauffällige und schwer vermittelbare, oft auch behinderte Kinder).

Ein wichtiger Einwand gegen die Homoehe bzw. die steuerliche Gleichstellung ist natürlich, dass die Vorteile hauptsächlich dazu gedacht sind „echte“ Familien zu fördern und echte Familien sind nunmal Familien aus denen Kinder hervorgehen. Die einzige Möglichkeit eine Familie mit Kind zu sein wird Homopaaren ja bis heute zum Großteil verwehrt und so steht ihnen – verständlicherweise – auch kein steuerlicher Vorteil zu. Wie ist das aber mit denen, die zwar in einer heterosexuellen Ehe sind, aber auch keine Kinder haben? Wofür bekommen die steuerliche Vorteile, etwa weil sie so brav im bürgerlichen Konstrukt leben und sich ja vieleicht, wenn sie nur genug Vorteile kriegen, doch noch fortpflanzen? Nun ich hoffe es wird die Absurdität deutlich. Dabei ist die Lösung so naheliegend: Die steuerlichen Vorteile sollen hauptsächlich Kindern zu Gute kommen, na dann bekommen Alle steuerliche Vorteile, die für Kinder unter 18 Jahren verantwortlich sind. Alleinerziehende, Verheiratete, Verpartnerte, Verschworene, Verliebte und auch Alle anderen.

Drei kurze Lösungen möchte ich vorstellen, für Alle, die sich fragen: „Keine Ehe, aber was denn dann?“
– Vertrauensgemeinschaften, die selbst definiert werden können und vor wem und auf welchem Weg auch immer geschlossen werden können.
– Adoptionsrecht für Alle (natürlich nach eingehender Eignungsprüfung)
– steuerliche Vorteile für Alle, die für Kinder unter 18 Jahren verantwortlich sind.

Ich fordere die Abschaffung der bürgerlichen Ehe, die Befreiung unserer Liebe und der dafür wählbaren Formen. Raus aus dem Zwang zur Zweierbeziehung, raus aus dem bürgerlichen Korsett, hin zu mehr Selbstbestimmung und Selbstverantwortung. Für eine schöne, liebevolle, gleichberechtigte Gesellschaft.

Quellen:

www.wikipedia.org/suffragetten
www.wikipedia.org/frauenwahlrecht
http://www.meinhard.privat.t-online.de/frauen/chronik.html
„Dear gay white men“ auf: http://queeranarchistfeminist.tumblr.com/
Penny, Laurie: Fleischmarkt, weibliche Körper im Kapitalismus; Edition Nautilus, 2012.

wer hat's geschrieben?

Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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