Fuck you Homophobe!

Es ist nicht nur grobe Gewalt und gegen allen Anstand, es wird auch langsam langweilig. Fast jede nicht-heterosexuelle Person kann nach ein paar Jahren ein ganzes Buch füllen mit den „üblichen Verdächtigen“; den Sprüchen die eine*r über sich ergehen lassen muss. Zwei Dinge ändern sich nie: Die Sprüche und die Verletzungen die sie nach sich ziehen. Ein Pamphlet für die Selbstermächtigung und gegen die eigene Scheu sich zu wehren.

„Go fuck yourself homophobe!“

Wir alle, die wir als nicht-heterosexuelle Personen uns zwangsläufig auch außerhalb unserer Schutzräume bewegen müssen, kennen die Blicke, die Sprüche, die Ausgrenzung; Wir alle kennen das Gefühl der Scham und von Verlegenheit, wenn wieder einmal ein unverständiger Mensch mit ihrer*seiner heterosexistischen Machete um sich schlägt. Ganz zu Schweigen vom Ärger und Selbsthass, dass wir nicht schnell genug etwas Intelligentes, Schlagfertiges antworten konnten.

In Kürze werden wir hier auf der Seite eine Art Beleidigungsalmanach erstellen, in dem wir Strategien zur Selbstverteidigung vorstellen werden. Es gibt zwei Arten sich selbst zu verteidigen: Progressiv und Defensiv. Aktiv und Passiv. Ich kann aktiv, progressiv die Beleidigung erwidern und der Person damit anzeigen: „Du hast es hier mit einer*m Person zu tun, die sich nicht dafür schämt was*wer sie ist.“ Und/Oder ich kann mich passiv defensiv selbst schützen, indem ich die Beleidigung nicht annehme und nicht darauf eingehe. Diese Form des Schutzes ist wesentlich schwieriger und erfordert eine tiefe Zufriedenheit mit sich selbst und der eigenen Lebenssituation. Eine dritte Möglichkeit ist, die Diskussion, das Gespräch zu suchen und versuchen der Person klar zu machen, wo die Verletzung liegt, und was diese mit ihrer Aussage auslöst. Jede Person muss sich selbst je nach Situation entscheiden, welche Strategien und Vorgehensweisen angebracht sind. Allerdings muss dir zu allererst bewusst sein, dass du dich wehren darfst. Bei einigen ist die eigene Scham und der Selbsthass so groß, dass sie sich in einer Spirale von Beleidigungen und dem eigenen „Vielleicht hab ich das ja verdient.“ befinden. KEIN MENSCH VERDIENT GEWALT!

Die aktiv, progressive Variante der Verteidigung ist einfacher und schneller erklärt als die passiv, Defensive, daher möchte ich mit ihr beginnen. Es geht dabei um Schlagfertigkeit und darum, sich das Recht herauszunehmen so auf Gewalt zu antworten wie sie uns entgegengeschleudert wird, aber eben in Selbstverteidigung. Wie oft ist es uns schon passiert, dass ein wahrscheinlich unwissender, jedenfalls besoffener Hetero gemeint hat er hätte das Recht uns anzumachen, weil wir mit einer Freundin gerade vertraut in einer Ecke standen. Wie oft mussten wir uns üble Beschimpfungen hinterherschreien lassen, weil die neue Schlangenleder(imitat!!)jacke „schwul“ aussieht. Wieviele Menschen ergehen sich aus Reflex darauf in Hypermännlichkeit, verstecken sich und hoffen nicht entdeckt zu werden oder haben sonst „Duckreflexe“ entwickelt, die helfen, sich solcher Gewalt nicht aussetzen zu müssen.

Mein Vorschlag, wenn ihr euch schon oft geärgert habt, über die immer gleichen Sprüche und jedesmal wieder so vor den Kopf gestoßen wart, dass ihr einfach nicht wusstet was ihr sagen sollt: Legt euch eine Phrasensammlung zu. Wir kennen doch die Sprüche (klicke hier wenn du Beispiele willst – Achtung beleidigende Sprache) Und weil wir sie bereits kennen, bevor sie im Kopf der Agressoren als Hirnblähung entstehen können wir uns längst drauf vorbereiten. Ich hoffe wir haben auf dieser Homepage sehr bald so eine Phrasensammlung, bis dahin soll ein Beispiel genügen. Falls euch das auswendig lernen von Phrasen zu viel Aufwand ist für solche primitiven Angriffe dann gibt es immer noch den Klassiker (ich gebe zu er deckt keine Trans*,Inter* und Aphobie ab): Fuck you Homophobe!

Die passiv, defensive ‚Strategie‘ ist wesentlich schwierigier zu erklären und auch anzuwenden. Ich setze sie unter Anführungszeichen, weil es sich hier weniger um eine tatsächliche geplante Vorgehensweise handelt, als viel mehr um das Ergebnis jahrelanger Arbeit an der eigenen Person und der Liebe zu sich selbst.

Die meisten LGBTIAQ-Menschen sind schon von frühester Kindheit an, spätestens aber mit dem bewusst Werden einer eigenen, devianten Sexualität mit Diskriminierung und Selbsthass konfrontiert. Die Norm der Heterosexualität und das Fehlen von Vorbildern, Diskurse von Kirche, Staat und öffentlicher Wahrnehmung, Beschimpfungen, körperliche Angriffe und offener Hass führen sehr schnell zu Ausgrenzung und zu einem tief sitzenden, oft nur unterbewusst empfundenen, Selbsthass und Scham. Um diese geballte Ladung Ausgrenzung und Unverständnis an sich abperlen zu lassen ist eine persönliche intensive Auseinandersetzung mit uns selbst, unserem Körper und unserer Art zu lieben, Sex zu haben, zu begehren, uns zu bewegen etc. notwendig. Wir müssen herausfinden, dass wir die Einzigen sind, die uns Erlaubnis und Verbote erteilen können, wir also auch diejenigen sind, die uns verbieten, uns selbst zu lieben. Wir müssen Freunde finden, Bekannte, an denen wir uns reiben können, ausprobieren und mit denen wir über genau diese Dinge diskutieren. (unter anderem dafür gibt es übrigens die Queer Hour) Das Reiben, Ausprobieren und lebendig sein, führt zu Selbstermächtigung, Selbstliebe, Zufriedenheit, lässt es zu dass wir uns selbst sexy fühlen, stark und klug. Und das ist die beste Selbstverteidigung!

Lasst euch nicht unterkriegen, geht mit offenen Augen durchs Leben, seid wachsam, holt euch Hilfe wenn ihr welche braucht, helft wenn ihr seht, dass eine*r Hilfe braucht und habt euch lieb. Solidarität ist die wichtigste Selbstverteidigung und zwar gegen jede Art von Gewalt.

ps: wenn euch jetzt sofort, oder später eine Idee kommt, dann nutzt doch unsere Kontaktmöglichkeit und schreibt uns. Eure Erfahrungen, blöde Sprüche die ihr bekommen habt, aber natürlich auch die Erwiderungen die euch eingefallen sind.

wer hat's geschrieben?

Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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