Ein Schlösschen zum Träumen

Das Queer-Referat war 4 Tage am Bundesvernetzungstreffen der Schwulen, SchwuLesbischen und Queeren Referate in der Akademie Waldschlösschen in Gleichen bei Göttingen. Was so bürokratisch klingt ist in Wirklichkeit der Versuch queere Realität zu schaffen. Hier ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht und eine Eloge an die Loge.

„80 Tunten auf einem Haufen, mitten im Wald und Unmengen trockener Sekt.“ So wurde mir das Schlösschen von Kolleg*in Klaus Ashley beschrieben und da wusste ich, ich muss da hin. Ich hätte jedoch nicht geglaubt, wenn mir ein Mensch erzählt hätte was mich erwartet. Es handelt sich nicht nur um eine Bundeskonferenz zum Meinungsaustausch und zur gegenseitigen Fortbildung, sondern um den queersten Entwurf von gelebter Gesellschaft den ich außerhalb von Wohnprojekten je kennenlernen durfte. Natürlich ist etwas wofür es kein Vorbild gibt nicht perfekt. „Das Problem an dem System ist das System“ (H.GichT).

Ein System das zur Gänze auf Individualität und der Möglichkeit anstatt des Verbotes als Prinzip beruht, das möchte nach meinem Verständnis das Schlösschen sein. Und so hab ich es auch erlebt. Individuen können Fehler machen, keiner davon ist unverzeihlich, solange er als Fehler erkannt wird und die Konsequenzen draus gezogen werden, die ihn in Zukunft vermeiden. Ein Haufen unterschiedlicher Tunt* kommt ein paar Tage zusammen um sich und die anderen einmal unter idealen, hoffentlich irgendwann nicht mehr utopischen, Umständen und (fast) ohne heteronormative Einflüsse zu bereichern. Und alle gemeinsam entwickeln sich, wickeln sich aus Vorurteilen und Normen aus und raus.Dabei haben alle ihre eigene Geschwindigkeit und deshalb ist es wichtig mit Respekt, Wohlwollen und Verständnis an die Sache ranzugehen. Das passiert im Schlösschen (in den allermeisten Fällen).

Es gibt auf das Wochenende verteilt 3 Workshopphasen und ein umfangreiches Workshopprogramm, das diesmal vom linguistischen Vortrag zur Frage „Ist Sprache sexistisch“, über Urschreitherapie (kein Witz!), Bondage-Workshop und kreativem arbeiten mit Gips, bis hin zu Vaginatheorie gereicht hat. Alle, die möchten, können einen Workshop mitbringen und anbieten, alles basisdemokratisch und zwanglos. Zusätzlich dazu gibt es natürlich Freizeit, in der individuelle Beschäftigungen und Vernetzung möglich sind. Freitag abend ist Saunaabend, den diesmal die unvergleichliche Mis Taken geleitet hat, Samstag findet die große Show statt, die ich gerne hervorheben möchte. Wie bei den Workshops können alle, die möchten, einen Beitrag vorbereiten und diesen nacheinander vorstellen. Diesmal gab es Highlights wie „Mit Fett“ (eine gesangliche Ode an die Körperfülle von der wundervollen Ønigin Titania), ein Loblied auf den Schaumwein, und natürlich unseren eigenen Beitrag: Gymnastik für die müden Knochen und einen Clubtanz. Das schöne an allen Beiträgen ist, dass Peinlichkeit, Übertreibung und Trash ausdrücklich erwünscht sind. Ziel des Treffens ist auch, praktisch Grenzen in uns selbst aufzubrechen, dazu gehört, den Hochglanzanspruch, den heutige mediale Bilder in unseren Köpfen verankern, zu hinterfragen. Ganz persönlich müssen wir alle daran arbeiten, Normen, Grenzen und Glaubenssätze immer wieder zu dekonstruieren und den Spaß am „einfach tun“ (wieder) zu entdecken.

Allerdings werden die Teilnehmenden nicht nur auf persönlicher Ebene bestärkt und Übertreibung und Peinlichkeit unterstützt. Es findet eine gemeinsame, strukturelle Bestärkung statt. Unter struktureller Unterstützung verstehe ich hier Strategien, Codes/Methoden und „Traditionen“, die fördernd und ermutigend wirken. Ein Beispiel für die strukturelle Unterstützung von Menschen und das kollektive Auffangen ist die „Loge“ ein kurzes vierzeiliges Zitat von Waldorf und Statler aus der Muppet Show auf die Melodie der Titelmusik. Immer wenn etwas peinliches passiert, singt die ganze Gruppe dieses Lied. Einerseits feiert und freut man sich sozusagen über den Schaden, durch das Kollektive wird aber die verursachende Person in die schadenfrohe Gruppe aufgenommen. Es wird sich also tatsächlich über den Gläserbruch gefreut und nicht darüber, dass dieser Person ein Glas kaputt gegangen ist. Die Person wird dadurch entlastet und aus der Scham entlassen. Sie kann sich am eigenen Missgeschick freuen, was zu einer emanzipierteren und souveräneren Selbstwahrnehmung führen kann. Diese Atmosphäre der Bestärkung und Wertschätzung, auch der gegenseitigen Hilfsbereitschaft zieht sich durch das gesamte Schlösschen.

Das hat eine Menge Konsequenzen. Die Wichtigste davon ist wohl die Freiheit die man in den Gesichtern lesen kann, auch wenn manche davon schwer vom Sekt gezeichnet sind, strahlen sie eine innere Ruhe und Zufriedenheit mit sich selbst aus. Selten nur ein Hauch von Stress oder Angst oder gar Scham und wenn, dann gibt es genug Leute, die in die Bresche springen, oder auffangen. Eine außerordentliche Übungswelt und Begegnungsstätte, die Spaß macht und viel in den Leuten zu verändern vermag. In uns hat es jedenfalls einiges angestoßen. Wir freuen uns schon aufs nächste Schlösschen.

Unbedingt möchte ich mich für dieses außergewöhnliche lebensverändernde und hoffnungsgebende Wochenende herzlich bedanken. Bei Klaus Ashley, Alex, Alex, Mis Taken, Toni und Alejandro für die reizende Reisebegleitung und Organisation. Bei meiner Mutti Ønigin Titania dafür, dass sie unbeschreiblich ist, bei Thea T(h)ralisch für den Walzer und meine Taufe, bei Elça von der Elster für meinen Namen und die Ausdauer am Schnitttisch, bei Frau Doktor und Patsy dafür, dass es sie gibt, bei Anna Bolikha für die Ruhe und Kraft, die sie ausstrahlt, bei Marc für sein Herz erwärmendes Lächeln und die unglaublichen Gespräche, bei Evita Brown-Belt für ihre Vulva dentata, auch wenn sie sie im Gesicht trägt, bei Wanda Lismus, bei Oli, bei Sherry Pop und Maria und bei all den anderen, die dieses Wochenende zu einem ganz normalen Wahnsinn gemacht haben.

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Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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