Ein Queer-Referat – brauchts das?

Es gibt bereits Beauftragte für Gleichstellung, Studium, Kultur und ähnliche Bereiche. Wozu dann noch ein Queer-Referat, wo ohnehin nur wieder die selben Themen angeschnitten werden wie in den oben genannten Referaten. Seit über einem Jahr sind wir nun fester Bestandteil der StuVe der LMU, warum? Ich behaupte es ist ganz einfach, Queer ist eben die König*innendisziplin.

Dieser Artikel spiegelt die persönliche Meinung des Autors wieder.

Ein Queer-Refert vertritt die Interessen von LGBTIAQ-Studierenden. Das sind erstmal eine ganze Menge Buchstaben. Was heißt aber Interessenvertretung? Welche Themengebiete werden hier angeschnitten und wozu braucht es dafür ein extra Referat. Gerade in Zeiten von Finanzknappheit muss diese Frage vehement gestellt werden.

Bevor ich mich allerdings dem Problem im einzelnen widme, möchte ich noch einmal deutlich klar stellen, dass die Finanzknappheit in der Studierendenvertretung vor allem dem Umstand mittelalterlicher Herrschaftshierarchien und politischer Kleinstgeistigkeit in Bayern geschuldet ist, das es im Jahr 2012 immer noch nicht geschafft hat, eine verfasste Studierendenschaft auf die Beine zu stellen. Vielleicht sollte man es auch anders herum formulieren: Bayern, das es immer noch schafft, keine verfasste Studierendenschaft auf die Beine zu stellen. In dieser Aussage wird vielleicht deutlich, wie wenig Studierende sich in Bayern und München für ihre gesetzliche Vertretung und ihre Rechte interessieren. Auch das meine ich mit politischer Kleinstgeistigkeit.

Auch in den nächsten Jahrzehnten ist von den behäbigen, bräsigen schwarzen Herren die behaupten, dass sie mit 2 Maß Bier noch Auto fahren könnten, nichts anderes zu erwarten als reaktionäre und inkompetente Entscheidungen, vor allem was Hochschulpolitik betrifft. Wir, damit meine ich alle, die sich in diesem Land Sorgen und Gedanken um Politik und politische Rechte machen, werden uns also unsere eigenen Wege suchen müssen, uns zu organisieren und zurechtzufinden. Das erfordert Ideenreichtum und Solidarität.

Daher gibt es an der LMU nun seit einem Jahr ein Queer-Referat. Trotz enormen Zuspruchs und begeistertem Feedback scheinen viele den Sinn eines solchen Referats noch nicht ganz begriffen zu haben. Für viele sind wir immer noch ‚die Schwulen‘, manche haben Angst vor uns und unserer Art Dinge anzugehen. Andere nehmen uns aufgrund ihrer eigenen Vorurteile nicht ernst. Sie verstehen dabei nicht, dass es keinen umfassenderen Begriff als Queer gibt, wenn es darum geht unsere Gesellschaft zu gestalten.

Der Kern von Queer ist, dass alle Menschen für sich selbst und ihre eigenen Definitionen verantwortlich sind, solange sie und das ist das wichtigste, keine anderen Personen in ihren Rechten damit beschneiden. Queer ist der Aufruf, zu gestalten. Etwas in die Hand zu nehmen, dieser Sache Bedeutung zu geben. Es beinhaltet natürlich den Kampf für die Rechte von devianten, das heißt vom bürgerlichen Ideal abweichenden, Personen. In einer Zeit, in der Alle von sich behaupten, sie seien einzigartig scheint aber gerade die Definition als deviant erstrebenswert und damit der Kampf für die gleichen Rechte Aller völlig logisch.

Recht, das heißt einerseits natürlich Gesetz. Viel wichtiger ist aber das gesellschaftliche Recht auf Anerkennung, Respekt und Wertschätzung. Das Problem liegt hier in der (Be-)Wertung die Bezeichnungen und Vorurteile nach sich zieht. Eine nach außen als, einem von zwei Geschlechtern zugehörig, gelesene Person, die sich entgegen der üblichen Normen verhält verliert in den Augen anderer sofort ihre Integrität und wird nicht mehr, oder zumindest weniger, ernst genommen. Nur ein kleines Beispiel: Ich kenne viele Personen, denen es immer noch wichtig ist, sobald sie auf mich als (offensichtlich) homosexuelle Person treffen, klar zu stellen, sie seien heterosexuell. Helle Panik sehe ich dabei oft in ihrem Blick; Panik davor durch den Kontakt mit mir etwas von ihrer angeborenen, weil heterosexuellen Integrität zu verlieren, die sie mir nicht zugestehen.

Obwohl ich auf keinen Fall anzweifeln möchte, dass es so etwas, wie ein rein heterosexuelles Begehren geben kann, möchte ich hier auch gleichzeitig noch anfügen, dass unsere Gesellschaft ein solches Begehren als ‚das Natürlichste‘ und als Norm definiert. Diese Norm herrscht so sehr, dass es zu einer Zwangsheterosexualität kommt. (Ich verwende den Begriff hier in einer unüblichen nur auf, sich als heterosexuell definierende, Personen bezogenen Art, da Zwangsheterosexualität aus der Sicht aller von ihr abweichenden Personen zu Effekten führt, die den Umfang dieses Artikels sprengen würden.) Sich als heterosexuell definierende Menschen sehen sich unter dem Zwang auch heterosexuell zu begehren. Dadurch wird natürlich jedes potentiell andere Begehren erstmal unterdrückt bzw. nicht wahrgenommen. Die unzähligen Formen ritualisierter Homoerotik (beim Fußball, bei Trinkspielen, oder ähnlichem) sprechen allerdings gegen ein ausschließlich heterosexuelles Begehren, auch wenn dieses anders aussehen mag. Noch einmal: ich bestreite nicht dass ausschließliche Heterosexualität möglich ist.

So viel zur Definition von Heterosexualität als Norm, diese ist keinesfalls biologisch argumentierbar, oder natürlich. Die meisten heterosexuellen Menschen fühlen jedoch, dass sie eine privilegierte Stellung in der Gesellschaft verlören, wenn sie den Status ihrer Heterosexualität aufgäben, was natürlich so wäre. Deshalb begegne ich in allen sozialen Umfeldern, Schichten, Bildungszusammenhängen, und welche hässlichen Worte einer*m da sonst noch einfallen, beinahe täglich Leuten, die sich krampfhaft an ihrer Heterosexualität und auch ihrer Geschlechtszuschreibung festhalten, in der sie auch festhängen und ihre Geringschätzung für alles nicht-heterosexuelle und Geschlechterübergreifende nicht einmal zu orten vermögen. Trotzdem findet eine ständige Wertung und Einteilung statt. Die Guten ins Töpfchen die Schlechten ins Kröpfchen… Ruckedigu Blut ist im Schuh! Ja, deshalb brauchen wir ein Queer-Referat. Die Heteronorm knechtet nicht nur alle die sich außerhalb ihrer aufhalten, sondern auch die, die durch sie eingesperrt sind.

Das Queer-Referat ist nun eine Begegnungsstätte für alle die raus möchten aus den zahlreichen Herrschaften, Machtverhältnissen und Opressionen. Ob Hetera, Schwuler, Trans*genderperson oder Bi-Mann, hier sollen Alle Platz finden, solange sie den anderen Platz lassen. Idealerweise, wird nicht einmal nach der Selbstdefinition gefragt, weil sie nur wichtig ist, wenn wir uns drüber unterhalten und sie von selbst preisgegeben wird. Wer sich in einem Queer-Referat also zu allererst als heterosexueller Cis-Mann outen muss, hat leider noch nichts verstanden. Macht aber nix, wir könnens ja nochmal erklären.

Bei Diskussionsbedarf, Beschwerden oder Anregungen bin ich wie immer unter muriel@queer-lmu.de zu erreichen. Disputandum discimus!

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Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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