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Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz

Ein Überblick über die mysteriösen Schwestern mit dem weißen Gesicht – geschichtlich und politisch.

Die ‘Sisters of perpetual Indulgence’ oder ‘Schwestern der Perpetuellen Indulgenz’ sind Nonnen des 21. Jahrhunderts, die 1979 in San Francisco – ursprünglich als schwuler Orden – ihre Arbeit aufgenommen haben und heute weltweit tätig sind. Perpetuelle Indulgenz bedeutet übersetzt ‘immerwährende Lebensfreude’ oder auch im übertragenen Sinne ‘immerwährende Vergebung’. Die Aufgabe der Schwestern ist das Verbreiten von Lebenslust und die Auslöschung stigmatisierter Schuld. Ab den 80er Jahren und seit der Aids-Krise haben sich die Schwestern der verstärkten Sorge um Prävention und das Sammeln von Spenden für Betroffene verschrieben. Bis heute bilden in den meisten Ordenshäusern drei Säulen die Grundlage der Arbeit: Information, Prävention, Salvation.

Auftreten und Manifestationen

Der Phänotyp der Nonne ist allen Schwestern gemein. Weltweit sind ca. 2000 Nonnen ehrenamtlich tätig und in verschiedenen, auch unterschiedlich organisierten Ordenshäusern zusammengeschlossen oder als freie Nonnen tätig. Das individuelle Erscheinungsbild weist bei allen Schwestern Gemeinsamkeiten auf. Die Auffälligste ist mit Sicherheit das weiß geschminkte Gesicht mit der bunten Bemalung. Viele kennen die Schwestern von einschlägigen Events, Pride-Paraden und CSDs, Straßenfesten, Mister-Wahlen. Dieses Auftreten der Schwestern in der Öffentlichkeit wird Manifestation genannt. Zu diesem Anlass trägt die Schwester den Habit, die Ordenskleidung, die in den meisten Fällen frei gewählt werden kann. Für Nonnen in Ausbildung existieren in den meisten Häusern Kleidungsvorschriften. Zum Habit gehört auch eine, je nach Haus verschiedene Kopfbedeckung mit Schleier und meist ein Kragen. Bei Manifestationen gehen die Schwestern in die Community, verteilen Kondome und Süßigkeiten, sammeln Spenden und haben ein offenes Ohr für die Gemeinde. Die Schwestern spenden Trost und Beistand, beantworten Fragen und helfen so gut sie können. Manchmal werden sie auch gebeten, einen Segen zu sprechen.

Mira aus München beim sammeln von Spenden - © SPI München

Mira aus München beim sammeln von Spenden – © SPI München

White Face

Um das ‘white face’ (WF) ranken sich viele Mythen und Gerüchte. Heute wird das WF so erklärt, dass die weiße Grundierung für den allgegenwärtigen Tod steht, und die bunten Farben für die Lebensfreude. Entstanden ist das WF aber aus pragmatischen Gründen. Die ersten Nonnen waren ohne Schminke bzw. ohne ‘clown face’ wie es früher genannt wurde unterwegs. Weil aber eine der Nonnen aufgrund ihres Arbeitsplatzes gerne ihre Arbeit als Nonne anonym durchführen wollte, hat sie sich für das WF entschieden. Diese Tradition, sich teilweise aufwändig zu schminken, hat zu unterschiedlichen Selbstbezeichnungen innerhalb des Ordens geführt. Es gibt Nonnen die sich als ‘Drag-Nun’ bezeichnen, was andere komplett ablehnen.
Manche benutzen lieber ‘Sister/Schwester’, andere lieber ‘Nun/Nonne’, manche fühlen sich als ‘21st century nun’, andere als ‘drag-nuns’ oder ‘faery-nuns’, abhängig vom Hintergrund der Nonne. Einige der Schwestern fühlen sich nämlich der faery-community sehr verbunden und sind eher anarchistisch und antikapitalistisch, auch sehr spirituell eingestellt. Andere wiederum stellen das gute Aussehen, die öffentlichen Auftritte und persönlichen Ruhm in den Vordergrund. Alle aber arbeiten ehrenamtlich und in erster Linie zum Wohle der Community.

Vor allem in den USA, wo die Schwestern bereits lange Traditionen pflegen und seit Jahrzehnten ihre Arbeit tun, sind große gemeinnützige Projekte entstanden. In San Francisco kandidierte eine der Schwestern als ‘nun of the above’ für den Stadtrat. In Atlanta wurde unter dem Namen ‘lost and found’ ein Haus gegründet, das LGBT-Jugendliche aufnimmt, wenn sie von zu Hause rausgeworfen werden, was leider immer noch oft passiert. So werden viele vor Armut, Hunger und vielleicht unfreiwilliger Prostitution geschützt.

Selbstverständlich muss der unermüdliche Einsatz der Schwestern während der Aids-Krise erwähnt werden. 1982 erstellten Schwestern zusammen mit medizinischen Fachleuten die Broschüre “Play Fair!”, die als erster Ratgeber Umgangssprache und praktische Hinweise verwendete. Ebenfalls in den USA, wo es ja kein Sozialsystem im europäischen Sinne gibt, haben die Schwestern für Pflegebedürftige gesammelt, um Behandlungskosten, Krankenhausrechnungen etc. zu bezahlen, aber auch in Europa leisten die Schwestern einen großen Beitrag vor allem für Mainstream-Projekte, wie die Aids-Hilfe.

Schwestern werden begleitet von Gardisten, dem männlichen* Pendant zur Schwester. Sie verrichten die selben Tätigkeiten, sind allerdings auch zum Schutz der Schwestern da. Es ist keinesfalls so, dass eine Schwester immer ein verkleideter Mann* oder ein Gardist immer eine verkleidete Frau* sein muss, was auf den ersten Blick so verstanden werden könnte. Die Entscheidung – Schwester oder Gardist – fällt ein*e Auszubildende*r für sich selbst.

Werdegang

Aufgrund der großen Verantwortung innerhalb der Ordenshäuser und der zum Teil beträchtlichen Geldsummen, kann nicht einfach jede*r Nonne oder Gardist werden. Es bedarf einer etwa einjährigen Ausbildung, die in mehreren Stufen erfolgt. Die Ausbildung dient dazu, dass sich Ordenshaus und Bewerber*in kennenlernen und in der Folge, dass die Anwärter*innen erlernen nach welchen Regeln der Orden funktioniert, was eine Schwester ist, welche Geschichte (Sistory) hinter der Tätigkeit steht. Nicht zuletzt das Sammeln von Spenden und die lockeren Sprüche müssen geübt werden. Wie die Ausbildung exakt gehandhabt wird, ist von Haus zu Haus verschieden. Üblicherweise gibt es 3 Ausbildungsstufen bis zum FPM (fully professed member), also der voll ordinierten Nonne.

SPI in München

In München wurde die ‘Abtei Bavaria zur Glückseligkeit des Südens’ 2013 unter unermüdlichen Bemühungen von Sr. Theresia Nata via Maia Priorissa von Bayern gegründet. Unter ihrer Leitung ist das Haus mittlerweile auf 3 Schwestern, einen Gardisten eine Novizin und eine Aspirantin angewachsen. Die Abtei Bavaria unterstützt die Münchner Aids-Hilfe, das Sub und die Regenbogenstiftung durch das Sammeln von Spendengeldern, steht dem MLC-München bei seinen Großveranstaltungen, sowie anderen Institutionen der Szene mit Rat und Tat und Segnung zur Seite. Die Abtei Bavaria ist aber nicht nur für München, sondern auch für Nürnberg und die restlichen, kleineren bayerischen Städte zuständig. So gehören auch die CSDs in Nürnberg, Ulm, Augsburg, Bad Tölz etc. bis nach Innsbruck ins Zuständigkeitsgebiet.

Für weitere Fragen rund um den Orden, die Tätigkeit und die Ausbildung findet ihr alles Wissenswerte unter:
www.spi-muenchen.de

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Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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Klaus Arthur Schmid

Unser IT-Gurl Ashley ist die Person der Stunde wenn es ans technisch Anspruchsvolle geht. Mit Blaumann und Laptop bewaffnet geht es dann in die Tiefen unserer Infrastruktur. Wenn er nicht gerade an unserer Homepage bastelt, findet man ihn meist in dunklen Hinterzimmern wieder. Des weiteren kümmert sich Klaus um Vernetzungs- und Kooperationsangelegenheiten innerhalb Münchens, Deutschlands und Europaweit.