Demokratie und Toleranz – ein Mythos

In diesem Artikel soll eine Selbstbefragung zu Kategoriesierung und ihren Folgen durchgeführt werden.

Die Grundlage für die gewalttätige Unterdrückung, Unsichtbarmachung oder auch nur gesetzliche Erfassung von Minderheiten ist ihre Diskriminierung[acp footnote]diskriminare (lat.): unterscheiden, abgrenzen[/acp] von und durch eine Norm- oder Mehrheitsgesellschaft. Diese Diskriminierung ist für uns in den allermeisten Fällen so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Für mich ist entscheidend hier zu betonen, dass schon ALLEIN DIE UNTERSCHEIDUNG zu Diskriminierung führt, denn zu unterscheiden heißt auch, dass es Unterschiede gibt, und nicht nur das, diese Unterschiede sind auch bedeutsam, sie haben irgendeine Konsequenz, in letzter Konsequenz lassen sie eine Wertung zu und aber setzen diese Wertung auch voraus. Zu unterscheiden heißt, aufgrund von einer unterschiedlichen Bewertung verschiedener Merkmale oder Merkmal-Gruppen eine Wertung der Menschen vorzunehmen. Die Unterscheidung setzt den Menschen mit Zuschreibungen gleich und im Weiteren wird diese Verknüpfung von Mensch und Zuschreibung selbstständig und zu Vorurteilen, die Bezeichnung oder Zuordnung zu einer Gruppe wird nicht mehr aufgrund von Merkmalen getroffen, sondern Zuordnung und Merkmale sind deckungsgleich. Oft folgt dann noch die Naturalisierung, sodass suggeriert wird, das wäre schon in Ordnung, das wäre außerdem unveränderlich, weil naturgegeben.

Jetzt werden viele von sich sagen, sie hätten keine Vorurteile. Ich möchte mich von hier ab auf eine spezielle Gruppe nämlich Schwule konzentrieren. Von denen wird ja auch oft gedacht sie hätten weniger Vorurteile als Andere, gehören sie doch selbst zu einer diskriminierten Minderheit. Das ist klarerweise falsch. Was aber wohl die Wenigsten erkennen, oder gar zugeben würden, ist, dass Schwule oft selbst homophob sind. Dieser Selbsthass ist erstaunlich einerseits, andererseits beweist er die strukturelle Verwurzelung solchen Denkens in der Gesellschaft. Der Schwule lernt, bereits bevor er sich selbst als schwul erlebt, dass Schwule etwas schlechtes, böses, krankes etc. sind. Das können wir eigentlich auf alle diskriminierten Gruppen ausweiten. Frauen, nicht-Weiße, nicht-Junge, und natürlich alle die im allgemeinen Gesundheitsverständnis als „behindert“ gelten.[acp footnote]ich möchte hier nur kurz auf eine Sprachhandlung hinweisen die mir sehr gut gefällt und zwar die passiv Setzung von diesen Zuschreibung, also z.B. Frauisierte, Ethnisierte, oder auch nicht-Ableisierte (Personen mit Behinderung). Diese Formulierung finde ich sinnvoll, weil sie deutlich auf die soziale Konstruktion dieser Diskriminierungen verweist.[/acp] Die Vorurteile gegen schwule Männer sind bekannt. Sie werden täglich reproduziert und führen zu Ab- und Ausgrenzung. Aber die Schwulen selbst sind nicht besser, warum sollten sie?

Ein Blick auf die populäre Plattform ‚Gayromeo‘ eine Dating-Internet-Plattform, auch als die „blauen Seiten“ oder „das schwule Einwohnermeldeamt“ bezeichnet zeigt deutlich was ich meine. Ich möchte hier unterscheiden zwischen den Diskriminierungen, die die Plattform selbst vorgibt und ermöglich, bzw. reproduziert und dann die verschiedenen Arten wie User damit umgehen, wobei mir die Scherenschnitthaftigkeit mit der ich das tun kann bewusst ist.

Eine Dating-Plattform soll Menschen zusammenbringen, die die selben Interessen teilen. Schon der Name GAYromeo legt also nahe, dass Schwule (die diese Plattform nutzen) ähnliche Interessen teilen.[acp footnote]diese Analysen sind nicht immer auch eine Kritik. In diesem Fall geht es darum klar zu machen, dass schon in der Einteilung Gayromeo-User und nicht-Gayromeo-User Vorannahmen liegen.[/acp] Das ist natürlich oft der Fall, meist wollen sie andere Schwule (die diese Plattform nutzen) kennenlernen. Oft auch für Sex. In jedem Fall benötigt ein User also ein Profil, eine Selbstdarstellung. Diese Profile funktionieren zu großen Teilen über Kategorien, das ist klar, das ist selbstverständlich, das ist aber auch der Grund, warum Internet-Dating so unpersönlich ist. Vielen Menschen ist das nicht klar, wenn sie sich anmelden und ein Profil erstellen. Neben einem individuell (soweit noch nicht vergeben) wählbaren Online-Namen, stehen zahlreiche Angaben zur Auswahl. Natürlich ist zu berücksichtigen, dass diese Kategorien nicht verwendet werden müssen, es steht immer auch „keine Angabe“ zur Verfügung, sowie natürlich die Möglichkeit Angaben zu machen, die selbst gewählt sind (z.B. eine Körpergröße anzugeben, die nicht der zuletzt gemessenen entspricht) Diese Möglichkeiten sind jedoch unattraktiv, da eine Person mit „falschen“ Angaben (online auch als Faker bezeichnet) also Lügner abgestempelt wird und damit unattraktiv ist. Ebenso Personen, die wenige oder keine Angaben machen. Zusätzlich zu den Kategorien besteht außerdem die Möglichkeit einen eigenen Text zu verfassen.

Wenn ich mich bei Gayromeo anmelde finde ich auf der dritten Seite, gleich nach der Eingabe meines Nicknames und der Angabe, wo ich mich befinde, die Seite auf der ich meine „Stats“ also die persönlichen Angaben zu Größe, Gewicht, Lieblingsessen und Haustier etc. machen soll. Geburtstag, Größe und Gewicht kann ich angeben wie ich will, sodann folgt „Body“. Die Angaben hier sind affirmativ gehalten. Es gibt kein „fett“ oder „ungewöhnlich“, wohl aber ein „normal“ (was auch immer das sein soll) und natürlich die üblichen: Bodybuilder, Schlank, Athletisch etc. Die nächste Kategorie „Typ“ geht nun zum ersten mal richtig ins Absurde. Ich kann auswählen, welcher Kategorisierung ich mich ethnisch zuordne. Die Kategorien (Europäer, Asiate, Südländer(!)) entsprechen dabei denen, die von Polizei und Geheimdienst zur Kategorisierung von Bürger*innen im Speziellen natürlich kriminellen Personen verwendet werden, und die von den Nazis zur Erfassung von KZ-Häftlingen angelegt wurden. Das weiß natürlich keiner, is ja auch schon 80 Jahre her, muss man sich keine Gedanken machen, is ja nicht so gemeint. So geht das weiter mit Körperbehaarung, und Haarfarbe, die Suchtgewohnheiten stehen kommentarlos neben der Schwanzgröße (die jeder Schwule automatisch hat, sind ja schließlich Männer – entschuldigt den Sarkasmus. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass homosexuelle Trans*männer, hier gar nicht vorkommen. Außerdem z.B. bestünde die Möglichkeit, dass ein Penoid vewendet wird, und die Schwanzgröße daher „variabel“ ist.) und Körperschmuckangaben. Ich glaube es wird schon deutlich wie detailliert hier kategorisiert wird. Der Mensch, der Homo, fragmentiert nach messbaren Attributen. Die Skalierung wird aber vom System vorgegeben und das hat – zumindest für mich klarerweise – Auswirkungen auf die Selbstdarstellung, damit die Selbstwahrnehmung aber natürlich auch die Wahrnehmung anderer, die ich ja nur vermittelt über diese Messgrößen wahrnehmen kann.

Die Struktur und die möglichen Angaben bzw. die Vorannahmen dieser Möglichkeiten sind die eine Seite. Die unreflektierte Nutzung und deren Konsequenzen die andere. Texte wie: „Keine Dicken, Tunten und Spinner.“ oder die explizite Suche nach ethnisierten Personen (die meist darin begründet liegt, dass diese Personengruppen mit bestimmten positiv konotierten Vorurteilen belegt sind) resultieren aus sozialer Praxis und die findet seit den 90ern nunmal auch maßgeblich online statt, wenn auch „dieses Internet“ für manche Personen noch „Neuland“ sein sollte. Es existiert eine breite Einigung darauf, dass Personen in Deutschland nicht aufgrund ihres Geschlechts, Religion, „sexueller Orientierung“[acp footnote]würg! dieser Begriff gehört auch reformiert…[/acp] etc. „diskriminiert“ werden dürfen. Na da sag ich doch nur: Schafft sie ab! Die Kategorien. Viele glauben, wir „brauchen“ Kategorien, dem widerspreche ich grundlegend, da sie IMMER Verkürzungen darstellen. Ein Mensch ist ein Mensch und eine Person ist jeden Tag anders, oder kann sie sein. Kategorien schaffen den Eindruck, es gäbe bei Personen zwangsläufige Konstanten und die gibt es nunmal nicht. Also bleibt nur darüber hinweg zu kommen und endlich aufzuhören so verdammt faul zu sein. Wenn ich eine Person kennenlernen will, dann werd ich mir schon die Zeit nehmen müssen, wenn nicht dann empfehle ich den Rat von Wittgenstein zu beherzigen: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Ich möchte mich an dieser Stelle besonders bei Patsy l’amour la love bedanken, deren Vortrag „Schwuler Selbsthass“ bei mir einige der grundlegenden Gedanken zu diesem Artikel ermöglicht hat. Zu diesem Thema ist hier ein Artikel von Patsy veröffentlicht.

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wer hat's geschrieben?

Muriel Aichberger

Muriel studiert Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie an der LMU München und arbeitet dort im Queer-Referat der Studierendenvertretung der LMU mit. Seit SoSe 2015 ist er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Außerdem betätigt Muriel sich als Schauspieler*in und Tänzer*in , queere*r und schwule*r Aktivist*in sowie polit-Tunte und v.a.m.

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