Die Akademie Waldschlösschen

Das längste Schlösschen aller Zeiten!

In früheren Artikeln habe ich bereits auf die „Loge“ hingewiesen, eine kurze gemeinsame Gesangseinlage wenn einer Tunte etwas peinliches passiert. Alle freuen sich über das Missgeschick und so wird aus der Peinlichkeit ein freudiger Anlass für alle. Ähnlich funktioniert Schangeligkeit, eine positiv affirmative Bewertung von Schäbigkeit, Unbeholfenheit und einer Art Hässlichkeit. Normen werden auf den Kopf gestellt, Dinge die uns tagtäglich tyrannisieren und uns dazu bringen, dass wir uns mit uns selbst nicht wohl fühlen, werden entkräftet und dadurch entstehen die Gänsehautmomente, die Momente innerer Ruhe und besonderer tiefer Verbundenheit, die ich zum Beispiel bei der Nachtwanderung zu einem ganz in der Nähe des Schlösschens gelegenen Berg, dem Hurkutstein, empfunden habe. Ein sternenklarer Himmel, Dunkelheit und eine Tunt*en/Menschenhorde die singend, trinkend, fröhlich durch den Wald zieht. Romantik, Frieden und Magie.

Ganz ähnliche Momente gibt es auch bei der Show, die immer am Samstag Abend stattfindet, und die einen wichtigen Teil der Tunten-Tradition darstellt. Die Tuntenbühne ist ein Schaufenster der Schlösschenseele bzw. des tuntischen Soziotops. Jede*r darf mitmachen, darf alles ausprobieren wonach ihnen ist. Neben Playbacknummern im Fummel, werden elaborierte Gesangsnummern performt, manche Beiträge weichen so stark von allen Sehgewohnheiten ab, dass es Unsinn wäre sie kategoriesieren zu wollen, Filme werden gezeigt, Kurz-Vorträge gehalten und dabei werden Unmengen Sekt getrunken, gelacht und geklatscht. Dabei herrscht bei dieser Show aber keineswegs so etwas wie „Fummelpflicht“. Fummel ist Definitionssache der Tunte selbst. Die Show ist eines der wichtigsten „Instrumente“ zur Bestärkung über das das Schlösschen und das Tuntentum verfügen. Es gibt Tunten die mehrere Shows lang versucht haben etwas aufzuführen und für sich gescheitert sind, von der Bühne geflohen sind und die heute auf dieser Bühne stehen und mit einer Selbstverständlichkeit zu performen scheinen, die mir Freundentränen in die Augen treibt.

Es ist selbstverständlich schwer alleine vor fast fremden Menschen zu performen, aber auch da hat das Schlösschen, und das ist etwas besonderes, ein Instrument: den Ersti-Chor. Menschen die bei der Show zum ersten Mal auftreten bzw. auftreten wollen soll die Möglichkeit gegeben werden, das in einer Gruppe zu tun. Das reduziert den Druck, die Verantwortung für die Nummer, das macht die ganze Sache hoffentlich insgesamt angenehmer. Im Umkehrschluss kommen so vielleicht Leute auf die Bühne die anders nie diese Chance ergriffen hätten oder ergreifen hätten können. Der Vorteil liegt auf der Hand, wenn wir uns wieder der Selbstliebe, der Selbstbestätigung zuwenden. Je öfter ich mich als mutig erlebe, je öfter ich mich als stark erlebe, je öfter ich so richtig stolz auf mich bin – desto mehr verändert das meine Selbst_wahr_nehmung. Eine Tunte die ihr Selbst als wertvoll wahrnimmt und stolz auf sich ist, ist unbesiegbar. Das gilt im Übrigen für alle nicht-Tunten im selben Maße.

Tosender Applaus ist eine gute Medizin für Superkräfte und den gab es auch auf diesem Schlösschen wieder zur Genüge. Untermalt wurde er mit JA! GEIL! Rufen und Trinkliedern. Wir wollten die Show diesmal tatsächlich als Bestärkungsmechanismus und Schaufenster nutzen und so haben wir die übliche Kür eines besten Beitrags durch die Verleihung von persönlichen Preisen ersetzt. „Preis für den besten Gänsehautmoment“, „Preis für den schangeligsten Fummel“, „Preis für den mutigsten Showbeitrag“ etc. Das führte dazu, dass die Preisverleihung fast so lange gedauert hat wie die Show selbst, allerdings macht genau das deutlich dass: 1. alle die dabei sind Sieger sind und 2. Menschen geben und teilen wollen. Wirklich geben und wirklich teilen, das war das Ziel dieses Schlösschens und wir haben versucht alle Mittel und Möglichkeiten auszuschöpfen. Besonders stolz sind wir natürlich, dass auch uns, also der Orga, ein Preis während der Show verliehen wurde. Für mich war es eines der schönsten Schlösschen, unter anderem weil ich viel geben und teilen durfte und so glaube ich haben wir unsere Aufgabe erfüllt. Herausgekommen ist: das längste Schlösschen aller Zeiten – ein Wunderland.

Vielen Dank ihr wunderbaren Referatsmenschen die ihr mir jeden Tag die Freude macht meine Freund*innen zu sein und vielen Dank allen Teilenehmenden am Schlösschen, die Orga kann immer nur den Rahmen schaffen, das Wunder schafft dann ihr.

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Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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