CSD – Christopher what the fuck?

Die Saison ist eröffnet, auf der ganzen Welt finden Paraden und Straßenfeste anlässlich eines ‚Christopher Street Day‘ statt. Schockierend finde ich es, immer wieder die unterschiedlichsten Interpretationen darüber zu hören, was das denn sein könnte, denn es gibt eine Geschichte. Ganz Märchentunte, die ich bin, hier die schmutzige Wahrheit.

Ich habe schon viele Geschichten gehört, wie der Christopher Street Day zu seinem Namen gekommen sein soll. Ein Typ namens Christopher sei der erste Organisator einer Straßenparade gewesen, die für Solidarität mit Homosexuellen geworben hat. Christopher wäre eine abfällige Bezeichnung für Homosexuelle in Amerika und im Namen CSD sei quasi die Aufforderung enthalten sich auf der Straße öffentlich zu bekennen. Auch all die anderen Interpretationen sind von haarsträubender Fantasie. Ganz zu schweigen von all jenen, die sich noch nicht einmal Gedanken über die Herkunft einer solchen Tradition gemacht haben.

Tatsächlich ist die Christopher Street eine Straße im Greenwich Village von New York. In dieser Straße befand sich ein Lokal das hauptsächlich von Schwulen frequentiert war: der Stonewall Inn. Am 28. Juni 1969 führte die New Yorker Polizei eine der üblichen Razzien im Stonewall durch. Die meisten „Schwestern“ waren dies gewöhnt, es war immer die gleiche Art von Erniedrigung und Einschüchterung. An diesem Abend allerdings liefen die Dinge etwas anders. Die Gäste begannen sich zu wehren, versammelten immer mehr Schwule um den Stonewall Inn, sodass sich die Polizei zurückzog. Ab diesem Tag begann sich die Szene zu formieren und Übergriffe durch die Polizei nicht mehr einfach hinzunehmen. Seit damals steht der 28. Juni für die Befreiung aus der stillschweigenden Duldung von Razzien, Repression und Gewalt gegen Homosexuelle.

Ein Jahr nach diesem Ereignis fand zum Gedenken an die sogenannten ‚Stonewall Riots‘ am 28. Juni 1970 eine Versammlung zum „Christopher Street Liberation Day“ statt. Die Gay Pride als politische Tradition war geboren. Schon bald versammelten sich nicht nur in New York Lesben und Schwule um diesen Tag zu begehen. Der Christopher Street Day wurde schnell zu einem Symbol und sorgte für Sichtbarkeit, auch trug er maßgeblich zur Bildung einer starken Community bei. In den 70er und frühen 80er Jahren breitete sich diese Tradition über die ganze Welt aus. In Deutschland war in den ersten Jahren die wichtigste Forderung die Abschaffung des §175. Heute konzentrieren sich die Forderungen auf die Homoehe, Adoptionsrecht und vernünftige Antidiskriminierungsgesetze.

Das nächste Mal wenn jemand fragt „CSD? Wasn das?“ setz‘ einen vorwurfsvollen Blick auf und erzähl diese Geschichte, weil die stimmt. 😉

Literatur
Kraß, Andreas: Queer Studies – Eine Einführung; in: Kraß, Andreas (Hg.): Queer Denken, Suhrkamp, Frankfurt Main 2003

wer hat's geschrieben?

Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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