Colorful School Lockers
"Colorful Lockers" Quelle:photobucket.com/giannameo78

Coming Out?! – Na Klar!

Für viele LGBTIAQs ist es heute keine Frage mehr, sich früher oder später zu offenbaren. Für andere bleibt es lange Gewissheit, niemals jemandem davon zu erzählen. Fakt ist, wenn eine*r von der (heterosexuellen) Norm abweicht, ist alles anders als sonst und, wenn eine*r sich nicht verstecken müssen will, führt kein Weg an einem – zumindest teilweise – Coming Out vorbei. Die wenigsten aber wissen, dass dieses ‚coming out‘ eine Geschichte hat, und zwar eine emanzipatorische.

Das ‚Coming-Out‘ gehört für viele LGBTIAQ-Jugendliche heute irgendwie dazu. Der Begriff selbst, der ja mit ‚herauskommen‘ übersetzt werden kann bezieht sich auf die Redewendung: ‚coming out of the closet.‘ was so viel heißt wie ‚aus dem Kämmerchen/Wandschrank/Geheimzimmerchen kommen‘. Natürlich bezieht sich diese Wendung darauf, dass nicht-heterosexuell begehrende Menschen erst einmal selbst ihre Neigung spüren und dann die Last, aber auch die Notwendigkeit empfinden sich zu verwirklichen indem sie dazu stehen, Freund*innen finden, über ihre Gefühle und Bedürfnisse sprechen. In unserer heterosexuell geprägten Normalgesellschaft ist dies allerdings nicht möglich, ohne eine Erklärung, ein Statement darüber abzugeben, dass ich ’nicht normal‘ bin.

Dieses Empfinden ’nicht normal‘, ‚abweichend‘ und einfach anders zu sein wird verständlicherweise in den allermeisten Fällen als starke Belastung empfunden. Denn der allerwichtigste Prozess beim coming-out ist der, sich mit sich selbst vertraut zu machen. Wir wachsen in einer heteronormen, zum größten Teil sogar heterosexistischen Gesellschaft auf. Wir als ~~~ schwule lesbische trans* inter* queer space-alien ~~~ Kinder haben keine Vorbilder. Da gibt es natürlich graduelle Unterschiede, da zB Schwule in den Medien mittlerweile wesentlich besser repräsentiert sind, als andere LBTIAQ-Gruppen. Trotzdem stellt der Prozess der Bewusstwerdung, des ’sich selbst eingestehens‘ eine massive Herausforderung dar, die mehr oder weniger allein bewältigt werden muss. Zwar gibt es heute – vor allem in größeren Städten – Angebote und das Internet ist in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen; der Hauptanteil der Arbeit muss aber von den – meist noch jugendlichen – Personen selbst geleistet werden. Noch schwieriger wird es für Menschen, die ihre Abweichung erst sehr spät realisieren, oder akzeptieren.

Gegen jede Botschaft, die uns als Kindern beigebracht, gezeigt, vorgelebt wird muss ein LGBTIAQ-Kind sich durchsetzen. So, wie früher Linkshänder umerzogen wurden mit rechts zu schreiben, zu essen, zu hand_eln, so wird einem LGBTIAQ-Kind ersteinmal suggeriert, so wie du bist, ist es – nein – bist DU nicht richtig. Wir wachsen auf in dem Glauben, nicht ganz korrekt zu sein, falsch, minderwertig, anders … Das verinnerlichen wir, noch bevor wir uns bewusst sind, wie wir sind, wie wir begehren, was wir uns für Beziehungen wünschen. Wir lernen: „Du stimmst nicht.“ Ein fataler Start für ein junges Leben, das emanzipiert, selbstbewusst und glücklich sein möchte. Nicht zuletzt deshalb liegt die Selbstmordrate bei LGBTIAQ-Jugendlichen wesentlich höher als bei ‚heterosexuellen‘.

Wenn nun das sexuelle Begehren einsetzt, also etwa zum Zeitpunkt der Pubertät, merken manche Jugendliche, dass sie ‚das gleiche Geschlecht‘ begehren. [Exkurs:] Wenn wir alles im Exkurs angesprochene nun ignorieren und von einer klassischen Einteilung ausgehen, dann gibt es einige Jugendliche die sich in der Realität als homosexuell wiederfinden, andere merken: „Ich will kein Junge/Mädchen sein“, andere denken „Muss ich mich wirklich entscheiden?“. Das ist ganz schön verwirrend. Vor allem, weil wir eben erst einmal lernen, dass das so nicht sein darf. Wir müssen also zuerst einmal akzeptieren, dass wir sind, wie wir nicht sein dürfen, nämlich anders als die andern. Dann, wenn, oder auch falls wir es geschafft haben uns damit abzufinden – oft nach vielen Versuchen ’normal‘ zu werden – sind wir immer noch nicht glücklich damit, wie wir sind. Es braucht eine Menge emanzipatorischer Arbeit, eine Menge nachdenken, eine Menge Vorbilder und Zuspruch um zu merken: Hey, was die Gesellschaft sagt ist Bullshit, so wie ich bin, bin ich 100%ig in Ordnung. Das dauert oft Jahre bis Leute so weit sind. Und dann wartet die Aufgabe, alles das, was wir wollen für uns zu verwirklichen. Und genau in diese Phase der Unsicherheit, der Selbstfindung, oft auch noch der Scham fällt das coming-out. Der Prozess der Bewusstwerdung, der Emanzipation und der ‚Offenbarung‘.

Viele empfinden das coming-out ganz zu Beginn als schreckliche Bürde. Ich selbst erinnere mich, dass lange Zeit für mich – der ich aus einem sehr kleinen Dorf komme – klar war, dass ich mit 18 (denn dann wäre ich volljährig) in eine große Stadt weit weg ziehen würde, und es nie nie nie jemandem sagen würde. Fakt ist, dass heute in der Gesellschaft für sogenannte homosexuelle Begehrensstrukturen eine weit höhere Akzeptanz als noch vor 15 Jahren herrscht. Das liegt auch an den vielen Menschen die den Mut zum ‚coming-out‘ hatten und haben. Es geht dabei um Sichtbarkeit und Repräsentation. Vergessen wir aber nicht diejenigen, die nicht auf so viel Vorarbeit aufbauen können, oder deren Begehren durch Schranken in den Köpfen, wie Zweigeschlechtlichkeit oder Zwangs(hetero)sexualität wesentlich stärker tabuisiert ist. Für Trans* und Interpersonen, für asexuelle Menschen … ja, und nicht zuletzt für (halb-)kriminalisierte Personengruppen – die ich jedenfalls zu den Queers zähle – wie Prostituierte, Sexarbeiter*innen, pädophile oder zoophile Menschen. Für ALLE muss ein würdevolles Leben möglich sein! Je mehr Menschen andere LGBTIAQs kennen, desto weniger Angst herrscht vor der ‚Abweichung‘. Es geht also darum zu zeigen: „Hey! Es gibt uns, wir sind viele, wir sind da und wir wollen mitspielen!“ Eine große Anzahl derer, die sich durch ihr coming-out gequält, gelebt, aber auch gestaltet haben, empfindet es als eine riesige Erleichterung. Heute gibt es jede Menge Ratgeber, Aufklärungs- und Selbst’hilfe’gruppen, „How-To“s, Erklärungsvideos auf youtube etc. TROTZDEM: Das Coming-out ist eine individuelle Problemstellung mit zwei Fragen: Wie komme ich selbst damit zurecht, wie ich bin? und: Wie erkläre ich mich meiner Umgebung?

Diese Fragen muss jede*r für sich selbst klären. Oft geht das intuitiv, oft passiert es einfach, manchmal ist es aber eine Sache die eine*r bedenken möchte, über die wir sprechen wollen und müssen und oft sind es diese Fragen, die wir mit Leuten besprechen müssen, die selbst durch diesen Prozess schon durch sind, oder grade drinstecken. Das Queer-Referat ist jederzeit und für alle Phasen und Bedürfnisse gerne da. Meldet euch bei uns und wir stehen euch mit Rat und Tat zur Seite. Come Queer – Stay Rebel! <3

wer hat's geschrieben?

Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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