Beziehungsweise anders!

Immer noch gilt die romantische Zweierbeziehung vielen als Ideal und Verwirklichung von wahrer™ Liebe. Daran ist an sich nichts auszusetzen, wenn die andauernde Repräsentation dieser – und ausschließlich dieser – Beziehungsform nicht andere Beziehungsformen, die wir täglich (er)leben, abwerten und oft als ‚weniger wahr‘ hinstellen würde. Schlimmer noch behaupte ich, dass die (heterosexuelle) Zweierbeziehung die in unserer Gesellschaft, durch die bürgerliche Ehe als Institution besonders geschützt und dadurch im Speziellen auf Reproduktion und Familiengründung ausgelegt ist, viele andere Beziehungsformen und Empfindungen verunmöglicht und zu einer gedanklichen ‚conditio sine qua non‘ wird. (Solange ich nicht meinen passenden Gegenpart gefunden habe bin ich nur HALB) Kommentare zu polyamoren und anderen, abweichenden Beziehungsformen wie: „Wenn du glaubst dass DAS Liebe ist.“ müssen ein Ende haben! Liebe definieren die, die sie empfinden und leben und zwar so wie sie wollen!

Für uns ist es heute selbstverständlich, uns unsere Partner*innen nach einem Hauptkriterium auszusuchen: der Liebe. Das war es nicht immer. Partner*innenschaften waren über Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende eher ökonomische Zweckgemeinschaften und arbeitsteilige Zusammenschlüsse, aus denen sich so etwas wie Verbundenheit, Liebe, Treue und andere Werte die wir heute fest mit Liebesbeziehungen verknüpfen, entwickeln konnten, jedoch keineswegs Voraussetzung dafür waren.

Die Entwicklung von ‚Beziehung‘ – und damit meine ich: ‚romantischer‘ Liebesbeziehung – in unserer Gesellschaft ist eine recht junge. Im Mittelalter kennen wir die Minne, die hehre Liebe zu einer unerreichbaren Herrin; Eine edle bedingungslose (und natürlich heterosexuelle) Liebe, die ihr Ziel – die unerreichbare Herrin – aber nie als Subjekt, sondern als unerreichbaren Gegenstand, als begehrenswertes Gut anschmachtet und die den Schmerz und die Unerreichbarkeit als Antrieb für die Kunst der Minne selbst nimmt. Viel früher noch kennen wir Mythen, wie Orpheus zB der seine Euridike an die Unterwelt verliert und angetrieben durch die, ihn verzehrende Sehnsucht nach ihr, unendlich schöne Musik spielt. Der – immer männliche – Partner verzehrt sich in Liebe nach seinem Objekt, das Projektionsfläche und Wunsch und Begehren gleichzeitig verkörpert und das aus diesem Grund – dem nämlich, dem Handelnden die Souveränität nicht zu rauben – entmenschlicht, auf Sockel gehoben, objektiviert ja sogar getötet – in die Unterwelt verbannt – wird.

Dieser kurze Absatz mag auf den ersten Blick nicht erheblich erscheinen, jedoch sind gerade diese uralten Mythen und Gewohnheiten, diese Ansichten und Konventionen immer noch in unsere (Liebes-)Beziehungen eingeschrieben. Denken wir an „die kleinsten Handschellen der Welt“ – als die Eheringe bezeichnet werden – oder an die Witzchen über Partner*innen bei einschlägigen „Männer-“ oder „Frauenabenden“. Was heißt das nun?

Ein*e objektivierte*r Partner*in ist praktisch, aber eben kein*e Partner*in sondern Erfüllungsgehilf*in. Beschnitten im grundsätzlichsten, was einen Menschen ausmacht, der eigenen Individualität sind wir gewöhnt unsere liebsten Menschen nicht vollständig so anzunehmen, wie sie gerade sind, sondern durch vielfältige Traditionen und Gewohnheiten, vor allem auch gesellschaftliche Mythen und Strategien allzuoft versucht es uns einfach zu machen. Das beginnt schon damit Werte wie (sexuelle) Treue, uneingeschränkte Hingabe und Aufmerksamkeit für nur eine Person und die Priorisierung dieser Person und ihrer Bedürfnisse über alles andere als selbstverständlich – nein – Voraussetzung für eine echte™ (romantische) Liebesbeziehung zu setzen. „So ist es richtig, so gehört es sich, so haben wir das schon immer gemacht.“ Schwachsinn!

De Fakto funktionieren die allermeisten der repräsentierten Liebesbeziehungen nach genau diesem Schema. Seit Jahrhunderten ist die Literatur voll von heterosexuellen, sexistischen, einschränkenden, arbeitsteiligen Zusammenschlüssen zweier (!) Menschen. Verkauft wird uns das als nachahmungswürdig und erstrebenswert, da richtig™. Aber warum ausgerechnet dieses Konzept von Liebe und Beziehung das richtige, ja das einzig wahre sein soll wird allzuselten gefragt. Es ist eine Frage von Herrschaft und Beherrschbarkeit, letztlich von Verwaltung. Menschen sollen zählbare und bewertbare ökonomische Einheiten (Familien) gründen, die nach dem immerselben Schema funktionieren und sich somit ideal eignen um für quantitative, verkürzte Verwaltungskriterien erfassbar zu sein. Darauf hab ich keine Lust! Darauf haben viele keine Lust! … Ich denke darauf haben die allermeisten keine Lust, und doch, beugen sie sich der Gewohnheit, dem Mythos, der allgegenwärtigen Erzählung, der einzig wahren Liebe zwischen EINEM Mann und EINER Frau. Repräsentationstyrannei vom feinsten. Ein wunderbares Beispiel wie durch ausschließliche Repräsentation von einem und das konsequente diskreditieren und unsichtbar machen alles anderen, Alternativlosigkeit zum exklusiven Ideal aufsteigen kann und Wahlfreiheit sowie Selbstbestimmung zu vernachlässigbaren persönlichen „Spinnereien“ werden. Alles schreit: die Kirche, der Staat, das Fernsehen, die Literatur, Mama und Papa haben recht, recht, recht! Was so viele machen kann nicht falsch sein. Probiert die Scheiße, Millionen Fliegen können nicht irren! Und es wird richtig™, weil es alle tun. Dabei gibt es längst andere Konzepte UND VOR ALLEM leben wir alle bereits vielfältigste andere Beziehungsarten und Liebesformen, diese sind nur der einen wahren™ hehren Liebe nachrangig. Warum ist das so? und wichtiger: Warum sollte das so bleiben?

Wir haben nie gelernt unsere Beziehungen als die zu erkennen und anzuerkennen als die wir sie leben, als die sie reell, also wirk_lich sind, auf uns Wirkung haben. Sie alle treten in den Hintergrund zur wahren™ Liebe. Oft werden „glückliche Singles“ belächelt und es wird sich gefragt, wie das denn geht. Aber nicht nur Singles, auch alle anderen, die in polyamoren Beziehungen, Patchworkfamilien und anderen Zusammenschlüssen und Vertrauensgemeinschaften ihre Plätze gefunden haben, kommen in Erklärungsnot, weil sie doch noch nicht „ihre bessere Hälfte“ gefunden haben.

Mir begegnen fast täglich Menschen, die unglücklich sind, weil sie ‚allein‘ sind. Menschen die intakte Freundeskreise und Familien haben, Menschen die einem Mythos aufsitzen, der ihnen ezählt, du brauchst eine*n zweite*n um wirklich glücklich und angenommen zu sein, um dich verwirk_lichen zu können.

Ich plädiere für eine konsequente Umkehr und eine realistische Bewertung unserer Wirk_lichkeiten. Ich kenne Paare die sich krampfhaft aneinander klammern und sich selbst und gegenseitig unglücklich machen, weil sie dieses Unglück als Glück verkauft bekommen, oder schlimmer als Normalität™. Normalitäten™, Traditionen, Erzählungen und Konventionen bestimmen die Liebesbeziehungen der meisten Menschen – das muss man sich vorstellen! Wo ist die Liebe? Die läge dann vielleicht in der Beziehung zum besten Freund, aber diese Beziehung unterliegt ebenfalls ihren Beschränkungen, schließlich ist man nicht schwul.

Oft lerne ich Menschen kennen, denen im Blick (oder am Profil auf einer Datingplattform) abzulesen ist, dass sie „eine Beziehung“ suchen. Auf Nachfrage merke ich, sie haben ihre Beziehungen, nur ganz anders als es ihr, von der Gesellschaft genormtes, Radar zu erkennen im Stande ist. Wir neigen dazu, zu kopieren und nach Schema zu wünschen. Das liegt oft daran, dass wir nicht auf uns selbst hören, auf unsere Bedürfnisse, auf unsere Wünsche. Wir wünschen etwas, das so ist wie X, anstatt in uns hineinzuhören und zu wünschen glücklich zu sein. Wir orientieren uns nach außen und sehen, die anderen erkennen mich an, die anderen sind neidisch, die anderen wollen das, was ich habe und daraus folgen wir: ich muss also glücklich sein. Das ist natürlich völliger Humbug. Oft fehlen uns die Kriterien um zu beurteilen was uns glücklich machen würde, was uns Spaß macht, was wir brauchen.

Es geht also darum uns mit uns zu verbinden, unsere Gefühle zu erforschen, auszuloten was es ist, was uns glücklich macht und zwar nicht ‚den Menschen an sich‘ sondern mich, dieses individuelle Wesen, das ich geworden bin durch meine Geschichte, meine Verbindungen zu anderen, meine Erfahrungen, meine Traumata und Erfolgserlebnisse – und wir sind alle ganz wunderbare Wesen. Es ist diese Erkenntnis, die auf uns wartet, wenn wir nicht mehr den Mangel der ‚besseren Hälfte‘ spüren, wenn wir nicht mehr gerettet, oder vervollständigt werden müssen. „Hey ich bin ja eigentlich ganz in Ordnung, wie ich bin.“ Ja! Das sind wir! Wunderbar, wie wir sind. Ganz ohne etwas dazu tun zu müssen. Und dann ist da dieses unglaubliche Potential, das es – wenn wir Lust haben – möglich macht, uns auszuprobieren und zwar so, wie wir das wollen. Das ist dann tatsächlich kreativ, innovativ, spontan und ungebremst und so sollten sie sein unsere Beziehungen. Unabhängig, frei, paradox, humorvoll, liebevoll, respektvoll und auf Augenhöhe. Unbhängig von Kategorien und Definitionen oder von der Beurteilung durch andere Menschen, frei von Vorurteilen und Erwartungen und eine Bereicherung für unsere Leben. Nur emanzipierte, bewusste Subjekte können Beziehungen führen, die nicht in Macht- und Abhägigkeitsverhältnisse münden, und in denen Begriffe wie Familie, Zusammenleben, Kind und Kindheit, (Selbst-)Verwirklichung, Liebe und viele andere neu und anders gedacht werden können – denn DAS haben wir dringend nötig!

wer hat's geschrieben?

Muriel Aichberger

Muriel Aichberger war vom WiSe 2011 bis zum SoSe 2017 im Queer-Referat aktiv. Von 2015 bis 2017 war er Bundeskoordinator der schwulen, schwullesbischen und queeren Referate und Hochschulgruppen. Bereits seit 2010 ist er Autor und hält Vorträge zu LGBT*I-Themen, Queer-Studies und Geschlechterforschung. Sein Schwerpunkt liegt in der kritischen Männerforschung. Mittlerweile ist er selbstständig als Speaker, Texter und Coach und berät Unternehmen zu den Themen Equality Diversity und Inclusion. (www.murielaichberger.de)

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